Fina Waldfee und der Gruß, der durch den Wald wanderte
Ein freundlicher Gruß wandert durch den verregneten Wald und zeigt seinen Bewohnern, wie viel Wärme in einem einzigen Wort stecken kann.

Eine Geschichte zum Vorlesen
Eine Waldfee-Geschichte für Kinder über Freundlichkeit und Wertschätzung
Es war einer von diesen Tagen. Der Regen hatte drei Tage lang nicht aufgehört. Die Wege waren matschig, die Vorräte klamm, und alle im Wald hatten schlechte Laune. Und zwar richtig. Auf der Brücke saß Murr, der Moostroll, und rührte in seinem Haferbrei. Der Brei war kalt. Murr rührte trotzdem weiter, weil man irgendetwas tun muss, wenn man schlecht gelaunt ist.
Da kam Fina Waldfee über die Brücke geflogen. „Guten Morgen, Murr!“
Murr erschrak so sehr, dass ihm der Löffel aus der Hand rutschte. Plopp. „In meinem Frühstück wohnt jetzt ein Löffel“, brummte er.
Fina blieb in der Luft stehen. „Soll ich ihn herauszaubern?“
„Bloß nicht. Beim letzten Mal hast du meinen Löffel in eine Gabel verwandelt.“ Murr fischte ihn heraus. Dann blinzelte er Fina an. „Du hast meinen Namen gesagt.“
„Natürlich. Du heißt doch Murr.“
Das wusste Murr selbst. Trotzdem richtete er sich ein kleines Stück gerader auf. Fina winkte und flog weiter. Und Murr merkte, dass er den kalten Haferbrei plötzlich gar nicht mehr so schlimm fand.
Kurz darauf kam Enna Igel den Weg entlang. Sie schleppte einen Korb voller Waldbeeren, hinter dem kaum noch etwas von ihr zu sehen war. Die Beeren waren nass. Enna war auch nass, und sie war schon zweimal ausgerutscht. An anderen Tagen hätte Murr nur gebrummt, damit sie Platz macht. Heute sagte er: „Guten Morgen, Enna.“
Enna blieb so plötzlich stehen, dass drei Beeren aus dem Korb hüpften. „Guten Morgen, Murr.“ Sie schaute über den Korbrand. „Sagst du das gerade zu mir?“
„Hier ist ja sonst niemand.“
„Stimmt auch wieder.“ Enna überlegte kurz. „Könntest du vielleicht das Tor aufhalten? Mein Korb ist breiter als ich.“
Murr stemmte das schwere Wurzeltor auf. Enna kam hindurch, ohne eine einzige Beere zu verlieren. Danach fühlte sich ihr Korb tatsächlich ein bisschen leichter an.

Am Haselhang saß Jaro Eichelhäher auf einem tropfenden Ast und war beleidigt. Der Regen hatte ihm sämtliche Federn verklebt. Er sah aus wie ein alter Putzlappen, und das wusste er auch. Enna hätte einfach weitergehen können. Ihr Korb war schwer und der Weg noch weit. Sie stellte ihn trotzdem ab. „Guten Morgen, Jaro.“
Jaro drehte sich weg. „Ich sehe furchtbar aus.“
„Du siehst nass aus. Das ist etwas anderes.“
„Es fühlt sich aber furchtbar an.“
Enna legte den Kopf schief. „Dein blauer Flügelstreifen ist noch da. Der leuchtet sogar.“
Jaro schielte an sich hinunter. Der blaue Streifen war tatsächlich noch da. Er plusterte sich einmal kräftig auf, sodass ein kleiner Regenschauer von ihm abging, und stieg in die Luft.

Über der Lichtung sah Jaro zwei Waldgeister im nassen Gras hocken. Sie saßen dort, wie man eben sitzt, wenn seit drei Tagen alles tropft. Früher wäre Jaro einfach vorbeigeflogen. „Guten Morgen!“, rief er.
Die Waldgeister schauten sich an. Sie waren es gar nicht gewohnt, dass jemand sie bemerkte. „Guten Morgen“, riefen sie zurück, ein bisschen zu spät. Dann standen sie auf. Wenn schon jemand grüßt, dachten sie, kann man auch aufstehen.
So ging das weiter.
Die Waldgeister grüßten die Ameisenkolonne, die gerade ihre nasse Vorratskammer ausräumte. Die Ameisen riefen einer Spinne zu, deren Netz zum vierten Mal gerissen war. Die Spinne rief in ein Wurzelloch hinein, aus dem eine sehr überraschte Stimme antwortete: „Wer ist da? Ich habe seit vier Tagen mit niemandem gesprochen!“
Und irgendwann tat der ganze Wald etwas, das er den ganzen Regen über nicht getan hatte. Er redete miteinander.
Die Ameisen halfen der Spinne beim Netz. Ein Specht hackte vor dem Eingang einer Mäusefamilie eine kleine Rinne, durch die das Regenwasser abfließen konnte. Zwei Eichhörnchen, die seit Tagen jedes für sich in einem klammen Nest saßen, hängten ihre Vorräte zusammen zum Trocknen auf.
Es regnete immer noch, aber es fühlte sich anders an. Fina hatte davon zunächst gar nichts mitbekommen. Als Fina später zur Sonnenlichtung zurückkehrte, erkannte sie den Wald kaum wieder. Murr half zwei Waldgeistern, einen umgeknickten Farn wieder aufzurichten. Enna verteilte Beeren an die Mäusefamilie, und Jaro rief von einem Ast, wo es bereits wieder trocken war. Fina blieb in der Luft stehen. „Was ist denn hier los?“
Murr schaute hoch. „Du hast heute Morgen ‚Guten Morgen‘ gesagt“, sagte er.
„Das sage ich jeden Morgen.“
„Ich weiß.“ Murr rieb sich das Moos am Kinn. „Heute hat es geholfen.“
Am Nachmittag riss die Wolkendecke auf. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel schräg über die Lichtung, und überall im Wald begann es zu dampfen. Das nasse Gras. Die nassen Steine. Murrs nasse Schultern. Und dann öffneten sich die Blüten. Nicht alle auf einmal, sondern nacheinander, so wie der Sonnenstrahl weiterwanderte. Aus jeder stieg ein feiner farbiger Pollenwirbel auf. Einer färbte Murrs Nasenspitze rosa. Einer setzte sich wie eine gelbe Krone auf Ennas Stacheln, und Jaro bekam einen grünen Schnurrbart.
„Endlich sehe ich nicht mehr aus wie ein Putzlappen“, sagte er zufrieden.
„Du siehst aus wie ein Putzlappen mit Schnurrbart“, sagte Enna.
Fina lachte so laut, dass ihr der Bauch wehtat.

☾
Am Abend gingen die vier gemeinsam zurück. An der Brücke blieb Murr stehen. Vor ihm stand Fina, und zum ersten Mal wartete er nicht darauf, dass sie zuerst etwas sagte. „Guten Abend, Fina.“
Fina drehte sich um, aber Murr sprach schon mit Enna. Enna rief hinauf zu Jaro. Jaro gab es weiter an die Waldgeister auf der Lichtung. Die Waldgeister riefen es den Ameisen zu. Und ganz weit hinten rief eine sehr zufriedene Stimme aus einem Wurzelloch: „Guten Abend!“
So wanderte der Gruß durch den ganzen Wald. Von einer Stimme zur nächsten und von einem Lächeln zum anderen.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Ein Gruß kostet nur ein Wort. Aber er sagt: Ich sehe dich.
Fina nimmt Murr wahr, spricht ihn mit seinem Namen an und setzt damit eine ganze Kette freundlicher Begegnungen in Bewegung. Warum ein echtes Hallo nicht besonders laut sein muss, um einen anderen Menschen zu erreichen, erzählt Prinzessin Mina und das viel zu große Hallo.
Wie bewusstes Wahrnehmen Kindern helfen kann, sich selbst, andere Menschen und kleine Augenblicke aufmerksamer zu erleben, erklärt außerdem der Elternbeitrag über Achtsamkeit für Kinder.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Finas Grußreise möchte er mit euch darüber sprechen, wie wir anderen zeigen können, dass wir sie sehen:
- Warum freute sich Murr darüber, dass Fina ihn mit seinem Namen begrüßte?
- Was veränderte sich im Wald, nachdem die Bewohner miteinander zu reden begannen?
- Wem könntest du heute mit einem Gruß oder einer kleinen Hilfe eine Freude machen?
