Prinzessin Mina und das viel zu große Hallo
Ein freundliches Hallo muss nicht besonders laut sein, um einen Menschen wirklich zu erreichen.

Eine Geschichte zum Vorlesen
Eine lustige Kinder-
geschichte über Höflichkeit und ein echtes Hallo
Beim ersten Probehallo flog dem Küchenmeister die Sahne von der Torte. „HALLLOOOOO!“, dröhnte es vom Schlossturm. WUMM! Die Fenster klirrten. Drei Tauben schossen aus der Dachrinne. Und unten im Hof landete die Sahne mit einem leisen Plopp auf dem Kopf der Schlosswache.
Prinzessin Mina nahm den Mund von dem riesigen Messingtrichter. „War das höflich genug?“, fragte sie.
Zeremonienmeister Zinnober lugte hinter einer Säule hervor. „Sehr königlich. Vielleicht beim nächsten Mal ein kleines bisschen weniger.“
Am nächsten Morgen sollte das Fest der offenen Tore beginnen. Und nach einer uralten Regel musste die Prinzessin alle Gäste mit einem königlichen Hallo begrüßen. Mina konnte gut Hallo sagen. Sie grüßte jeden Morgen den Bäcker und die Gärtnerin, und sie hielt anderen die Tür auf. Nur vom höchsten Balkon aus hundert Menschen gleichzeitig anzubrüllen kam ihr nicht besonders höflich vor.
„Das Hallo muss bis über die Zugbrücke reichen“, erklärte Zinnober und tippte auf das königliche Begrüßungsbuch. „So steht es hier.“
Der Messingtrichter saß auf einem Drehgestell, damit das Hallo in alle Richtungen kam. Hinten war er mit einem roten Blasebalg verbunden. Daneben stand Ritter Rappel in voller Rüstung. „Ich trete auf den Blasebalg“, schepperte er. „Du sprichst in den Trichter. Was könnte schiefgehen?“
Vom Hof hörte man den Küchenmeister jammern: „MEINE TORTE!“
„Abgesehen davon“, sagte Rappel.

✦
Am nächsten Morgen flatterten die Fahnen über den Türmen. Vor der Zugbrücke warteten Familien, Bauern und eine Musikkapelle mit allerlei Instrumenten. Ganz vorne stand ein Junge in einem viel zu großen Ritterhelm neben seiner Großmutter.
Zinnober schlug das Buch auf. „Füße zusammen. Kinn hoch. Königliches Lächeln.“
Mina stellte sich vor den Trichter. Ihr Bauch fühlte sich an wie eine Sprudelwasser-Fabrik. Ritter Rappel hob den Metallfuß.
„Bereit?“
Mina schaute auf die vielen erwartungsvollen Gesichter. Dann nickte sie.
Rappel trat auf den Blasebalg.
Mina holte Luft. „Hallo und herzlich will—“
„HALL-HALL-HALL-HALL—“, donnerte die Maschine. Der Blasebalg klemmte. „—LO! LO! LO! LO!“
Das Drehgestell ruckelte nach links. Der Schall fegte Zinnober die Perücke vom Kopf. Ritter Rappel warf sich auf den Blasebalg.
„AUS! Das Hallo ist vorbei!“
„LO! LO! LO!“
Unten hielt der Junge seinen Ritterhelm mit beiden Händen fest. Seine Großmutter presste sich den Hut auf den Kopf. Ein kleines Mädchen fing an zu weinen. Niemand sah aus, als würde er sich willkommen fühlen.
Mina kroch unter dem dröhnenden Rohr hindurch. Im Zahnrad hatte sich Zinnobers rote Buchschleife verfangen.

„Nicht die Schleife!“, rief er.
Mina zog. RATSCH! Das Band riss. Das Zahnrad sprang zurück. Ritter Rappel landete scheppernd auf dem Hosenboden. Endlich war es still.
Hundert Gesichter schauten zu Mina hinauf. Jetzt sollte sie wohl noch einmal von vorne anfangen. Mina schaute zurück. Dann drehte sie sich um und rannte die Wendeltreppe hinunter.

Sie nahm immer zwei Stufen auf einmal. Durch den Thronsaal. An der Küche vorbei. Über den ganzen Hof. Am Tor blieb sie keuchend vor dem Jungen mit dem Ritterhelm stehen. Das Helmvisier war ihm über die Augen gerutscht. Mina schob es vorsichtig hoch.

„Hallo. Ich bin Mina. Wie heißt du?“
„Tim“, sagte der Junge.
„Willkommen, Tim.“
Er grinste. „Deine Maschine ist schrecklich.“
„Ich weiß.“
Seine Großmutter trat vor. Mina schob das schwere Tor ein Stück weiter auf und machte ihr Platz.
„Guten Morgen“, sagte die alte Dame. „Das ist ein sehr angenehmes Hallo.“
„Finde ich auch“, entgegnete Mina.
Dahinter warteten immer noch sehr viele Menschen. Mina kletterte auf einen Stein. „Ich werde euch nicht noch einmal anbrüllen!“, rief sie.
Ihre Stimme reichte ungefähr bis 10 Meter hinter die Zugbrücke.
„Sie brüllt nicht mehr!“, gab der Müller nach hinten weiter.
„Sie brüllt nicht mehr!“, rief die Gärtnerin.
„Sie brüllt nie mehr!“, rief jemand ganz hinten, der es nicht richtig verstanden hatte, aber sehr zufrieden damit war.
Mina musste lachen. „Kommt bitte herein!“, rief sie. „Ich begrüße euch lieber hier unten. Vielleicht schaffe ich nicht jeden Namen, bevor es an die Torten geht. Aber ich versuche es.“ Das verstanden alle. Sogar ganz ohne Messingtrichter.
Mina reichte dem Müller die Hand. Sie winkte einem schüchternen Mädchen zu. Einem Mann, der nicht hören konnte, malte sie ein Hallo in die Luft. Und als eine Familie einen schweren Korb hereintrug, packte sie mit an.
Ritter Rappel kam die Treppe heruntergeklappert. Unter einem Arm trug er das Begrüßungsbuch, unter dem anderen Zinnobers zerknitterte Perücke. „Auf welcher Seite steht das denn?“, fragte er und zeigte auf Mina am Tor.
Zinnober setzte die Perücke auf. Sie saß verkehrt herum. Er blätterte. Erst vorne. Dann hinten. Dann klappte er das Buch zu. „Auf keiner.“
„Dann ist da wohl noch eine Seite frei“, sagte Mina.
Zinnober schaute sie lange an. Dann holte er einen Stift hervor, schlug das Buch wieder auf und begann zu schreiben. Die Perücke saß dabei immer noch verkehrt herum, und niemand sagte ihm etwas davon.
☾
Am Abend war nur noch ein Stück Torte übrig. Tim bekam es, weil er als Erster begrüßt worden war. Selbst beim Essen hatte er noch den alten Ritterhelm auf dem Kopf. Oben auf dem Turm stand die Begrüßungsmaschine. Niemand benutzte sie mehr. Nur die Tauben hatten den großen Messingtrichter für sich entdeckt und saßen darin wie in einem goldenen Nest.
Unten am Tor verabschiedete Mina die letzten Gäste. „Auf Wiedersehen, Frau Dill.“ „Bis bald, Herr Kruste.“
Als Tim mit seiner Großmutter ging, drehte er sich noch einmal um. „Du, Mina!“, rief er.
Mina schaute auf.
„Dein kleines Hallo war viel größer als das vom Turm!“
Mina winkte ihm nach, bis er hinter der Zugbrücke verschwunden war.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Ein Hallo wird nicht größer, wenn man lauter wird. Es wird größer, wenn es jemanden erreicht.
Wer nach der Geschichte weiter darüber sprechen möchte, kann gemeinsam entdecken, wie Achtsamkeit für Kinder dazu beitragen kann, andere und sich selbst bewusster wahrzunehmen.
Die kostenlosen Gefühlskarten für Kinder bieten dazu einen spielerischen Gesprächseinstieg: Wie fühlt sich ein lautes Hallo an – und wie ein freundliches, persönliches?
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Höflichkeit sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Minas ungewöhnlichem Fest hat er drei Fragen zum gemeinsamen Weiterdenken. Sprecht miteinander darüber:
- Warum fühlten sich die Gäste trotz des riesigen Hallos nicht willkommen?
- Was machte Mina anders, als sie Tim und seine Großmutter am Tor begrüßte?
- Wie kannst du jemanden so begrüßen, dass er merkt: Ich freue mich, dass du da bist?
