Meerjungfrau Nera und die tickende Dose

Eine verträumte Meerjungfrau-Geschichte für Kinder ab 3 Jahren über eine alte Spieluhr, ihr letztes Lied und die Erinnerungen, die im Herzen weiterleben.

3–6 Jahre

Etwa 7–8 Minuten

Aus dem Buch: Diese Geschichte gehört zu „Kurze Gute-Nacht-Geschichten für Kinder ab 3 Jahren“.

Meerjungfrau Nera hält eine alte Spieluhr ans Ohr, während Einsiedlerkrebs Klemens neugierig zusieht.

Eine Geschichte aus dem neuen Märchenwichtel-Buch

Eine Meerjungfrau-Geschichte für Kinder über Erinnerungen und ein letztes Lied

Ein Knopf aus Perlmutt. Ein einzelner Ohrring. Ein Schlüsselchen, das zu nichts mehr passt. Und heute Abend: eine kleine Dose, die tickt. Nera sammelt Dinge, die von oben herunterkommen. In ihrer Korallenhöhle liegen sie alle ordentlich nebeneinander im Sand. Keins davon hat eine Geschichte dabei. Also denkt Nera sich für jedes eine aus. Aber getickt hat noch keines.

„Tick“, macht die Dose. „Tick. Tick.“

Nera hält sie ganz nah ans Ohr. Tief in ihrem Inneren, weit weg, hört sie noch etwas anderes. Etwas, das fast wie Musik klingt.

„Du bist neu“, flüstert sie.

Unter der viel zu großen Muschel in der Ecke zieht sich Klemens, der Einsiedlerkrebs, blitzschnell zurück. Nur seine Fühler schauen noch heraus.

„Nicht anfassen“, sagt er dumpf aus der Muschel. „Alles, was tickt, macht irgendwann BUMM. Das hat meine Großtante gesagt.“

„Die hier tickt aber ganz freundlich.“

„Am Anfang ticken sie alle freundlich.“

Nera dreht die Dose vorsichtig herum. Unten an der Seite entdeckt sie etwas Kleines, Rostiges. Eine Kurbel.

„Klemens“, sagt sie. „Das ist eine Spieluhr.“

Ein Fühler kommt ein Stück weiter heraus. „Machen Spieluhren auch BUMM?“

„Noch nie gehört.“

„Meine Großtante bestimmt schon.“

Nera lacht und dreht ganz sacht an der Kurbel.

Und da kommt sie: eine Melodie. Nur ein paar Töne, hell und klar wie kleine Blasen, die nach oben steigen. Dann fällt sie wieder zurück ins Ticken.

„Sie spielt!“

Klemens ist ganz aus dem Häuschen – beziehungsweise fast aus seiner Muschel. Nur sein Hinterteil steckt noch darin. „Noch mal!“

Nera dreht die Kurbel erneut. Diesmal kommen weniger Töne. Und sie klingen müder. Unter der Kurbel knirscht es leise, als wäre dort drinnen ganz viel Sand.

Sie versucht es ein drittes Mal. Jetzt kommt fast gar nichts mehr. Nur ein Ticken, das langsamer wird. Tick. Tiiick. Tiiiick.

Nera spürt etwas Kaltes im Bauch. Sie packt die Kurbel fester und will schneller drehen, als könnte sie das Langsamwerden einfach überholen.

„Nicht!“, ruft Klemens und krabbelt so schnell heran, dass seine Muschel wackelt. „Die Dose ist uralt. Wenn du sie zwingst, könnte die kleine Feder darin reißen. Dann verstummt sie vielleicht mitten im Lied.“

Neras Hand bleibt stehen, die Kurbel halb gedreht. Mitten im Lied.

Ganz langsam lässt sie die Kurbel wieder los. Die Dose tickt weiter. Ganz von allein. Leise und müde.

Nera nimmt sie in beide Hände, legt sich in den Sand und hält sie sich ans Ohr.

„Ich glaube, sie ist nicht plötzlich kaputtgegangen“, sagt sie nach einer Weile.

„Sondern?“

„Sie ist einfach sehr alt. Sie hat schon ganz viel gespielt, bevor sie zu mir heruntergekommen ist. Vielleicht reicht die Kraft ihrer Feder nur noch für ein einziges Lied.“

Klemens denkt nach. Dann setzt er sich neben sie in den Sand, so nah, dass seine Muschel Neras Arm berührt.

„Dann hören wir zu“, sagt er.

Nera dreht die Kurbel ein allerletztes Mal. Ganz sanft.

Meerjungfrau Nera zieht die alte Spieluhr auf, während Einsiedlerkrebs Klemens dem letzten Lied lauscht.
Behutsam zieht Nera die Spieluhr ein letztes Mal auf und lauscht gemeinsam mit Klemens.

Und die Spieluhr spielt. Sie spielt schöner als bei allen Versuchen zuvor: klar und ruhig, jeden Ton einzeln, wie Perlen, die nacheinander in den Sand fallen.

Nera hält die Luft an und hört so genau zu, wie sie in ihrem ganzen Leben noch nie zugehört hat.

Beim vorletzten Ton merkt sie, dass ihre Lippen mitgehen. Beim letzten Ton summt sie leise mit. Dann macht die Dose: Tock.

Und ist still. Ganz still.

Nera bleibt liegen und schaut die kleine Dose in ihren Händen an. Vorsichtig berührt sie die Kurbel. Sie dreht sich nun ganz leicht und ohne das kleinste Ticken. Die alte Feder hat ihre ganze Kraft verbraucht.

✦

Dann summt Nera.

Erst nur ein bisschen, weil sie sich nicht sicher ist. Aber die Melodie ist noch da. Ton für Ton. Sie ist jetzt einfach woanders.

„Das ist sie“, flüstert Klemens. „Das ist genau sie.“

Er versucht mitzusummen. Bei Einsiedlerkrebsen klingt das ungefähr wie eine Muschel, die eine Treppe herunterfällt. Nera muss so lachen, dass sie mittendrin aufhören muss.

Dann summt sie weiter. Klemens summt schief daneben her, und irgendwann klingt es sogar fast zusammen.

Nera legt die Spieluhr zu ihrer Sammlung, direkt neben den Perlmuttknopf. Für dieses Fundstück muss sie sich zum ersten Mal keine Geschichte ausdenken. Diese Geschichte kennt sie ja.

Klemens rollt sich neben der Dose zusammen. Die Angst vor dem BUMM hat er längst vergessen, und schon nach zwei Atemzügen schnarcht er.

Meerjungfrau Nera summt die bewahrte Melodie, während Klemens neben der stillen Spieluhr schläft.
Auch als die Spieluhr verstummt, lebt ihre Melodie in Neras Erinnerung weiter.

Nera legt sich neben ihre Koralle in den weichen Sand und summt die Melodie leise vor sich hin, als würde sie sich selbst ein Schlaflied singen. Irgendwo mittendrin fallen ihr die Augen zu, und sie schlummert friedlich ein.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Was vergangen ist, geht nicht verloren – die schönsten Momente tragen wir für immer im Herzen. Schlafe schön und träume von bunten Korallen und zauberhaften Melodien. Gute Nacht.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo denkt über Neras letztes Lied nach und lädt zum Gespräch über Erinnerungen und besondere Momente ein.

Gemeinsam über Erinnerungen und besondere Momente sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Neras letztem Lied möchte er mit euch darüber sprechen, warum schöne Dinge auch dann bei uns bleiben können, wenn sie längst verklungen sind:

  • Warum hörte Nera auf, die alte Kurbel immer schneller zu drehen?
  • Wo war die Melodie, nachdem die Spieluhr verstummt war?
  • Welche schöne Erinnerung, Melodie oder Geschichte möchtest du gern in deinem Herzen bewahren?

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