Milla Mondfalter und das Licht, das nicht ausgehen wollte
Manche schönen Tage möchte man am liebsten festhalten – selbst wenn die Nacht schon wartet.

Eine Geschichte zum Vorlesen
Eine kurze Gute-Nacht-Geschichte über
schöne Erinnerungen
und das Loslassen
„Warte! Nicht schon wieder verschwinden!“ Milla Mondfalter flatterte dem letzten Sonnenstrahl hinterher. Er rutschte über die Blätter, hüpfte auf einen runden Stein und wollte gerade hinter der Hecke abtauchen. Da hielt Milla ihre kleine Laterne auf. Schwupp – schon saß der Strahl darin gefangen. „Erwischt!“ Milla klappte den Deckel zu und drückte ihre kleine Leuchte an ihre Brust. Ihre Flügel zitterten ein bisschen. Der Tag durfte nicht einfach so aufhören. Nicht dieser Tag.
In der Laterne schwebte schon eine ganze Menge herum: Das Glitzern vom Teich, der Duft einer Walderdbeere und drei besonders fröhliche Töne vom Grillenkonzert. Alles zusammen leuchtete wie ein strahlender Sommertag.
Milla trug die Laterne in ihre Schlafhöhle im alten Birnbaum. Sie hängte sie über ihr Mooskissen, kuschelte sich ein und zog ein weiches Blatt bis zum Kinn.
Doch ihre Lampe leuchtete ihr genau auf die Nase.
Milla drehte sich nach links. Das Licht wanderte mit. Nach rechts. Wieder kitzelte es ihre Augen. Sie legte sich das Blatt über den Kopf. Da leuchtete die Blattdecke.
„Du sollst doch bloß schön schimmern“, murmelte Milla. „Nicht so grell.“
Sie schob die Laterne unter das Bett. Sofort tanzten helle Streifen über die Wände. Einer sah aus wie ein Hase mit drei Ohren. Einer wie ein Käfer in Gummistiefeln. Einer wie ein Fisch mit Zipfelmütze.
Milla musste kichern. Ans Schlafen war jetzt erst recht nicht zu denken.
✦
Da machte es Tock, tock am Eingang. Piko, das Glühwürmchen, schwebte herein und blieb überrascht in der Luft stehen. „Bei dir sieht’s ja aus wie auf einem Rummelplatz.“
„Der Tag will nicht ausgehen“, sagte Milla.
Piko schaute unter das Bett. „Oder du lässt ihn nicht?“
Milla zog die Laterne schnell an sich. Ihre Fühler senkten sich, ihre Flügel legten sich eng an den Rücken. „Wenn das Licht weg ist“, sagte sie leise, „ist vielleicht der ganze schöne Tag weg.“
Piko setzte sich neben sie und dimmte sein Hinterteil auf ein müdes Pünktchen. „Was steckt denn überhaupt alles drin?“

Milla öffnete den Deckel einen winzigen Spalt. Ein grünes Funkeln schlüpfte heraus.
„Das war, als ich auf dem Seerosenblatt gelandet bin“, sagte sie. „Es hat gewackelt wie Wackelpudding. Plitsch, platsch – und meine Füße waren nass.“ Das Funkeln schwebte zur Decke und wurde dort langsam dunkler. Milla wartete. Sie hielt sogar die Luft an. Aber das Wackeln unter ihren Füßen, das war noch da. In ihr drin. Ganz genau.
Also öffnete sie den Deckel ein Stück weiter. Ein roter Lichtkringel hüpfte heraus. „Die Walderdbeere! So groß, dass ich dreimal reinbeißen musste.“
„Mindestens fünfmal“, sagte Piko. „Du hast einen sehr kleinen Mund.“
Milla verdrehte die Augen und stubste Piko für seinen frechen Kommentar. Der rote Kringel verblasste nebenbei langsam.
Nun ließ sie auch die Grillentöne frei. Zirrp, zirrp, zirrp. Sie flogen durchs offene Fenster und legten sich zwischen die Zweige. Danach kam das warme Gefühl des Sonnenstrahls, der sie beim Dösen am Nachmittag gewärmt hatte. Dann der kitzelige Abendwind, den sie auf ihren Flügeln gespürt hatte. Zu jedem Licht erzählte sie ein kleines Stück vom Tag. Und immer, wenn ein Licht die Laterne verließ, machte sie kurz die Augen zu und schaute nach, ob es innen drin auch weg war.
Es war nie weg. Die Laterne wurde dunkler und dunkler. Aber in Millas Kopf lagen Seerosenwackeln, Erdbeergeschmack und Sonnenwärme dicht beieinander – wie Schätze in einer kleinen Truhe.
☾
Schließlich saß nur noch ein winziger goldener Punkt in der Laterne. Milla pustete. Der Punkt blieb.
Piko pustete mit. Der Punkt rollte einmal im Kreis und blieb wieder liegen.
„Was bist du denn?“, fragte Milla.
Der Punkt hüpfte auf ihre Fingerspitze. Er fühlte sich warm und kribbelig an. „Ach“, flüsterte Milla. „Du gehörst noch gar nicht zu heute. Du bist die Vorfreude auf morgen.“
Sie trug den Punkt zum Fenster. Draußen wartete die Nacht. Dunkel und still lag sie über dem Garten. Milla setzte den Punkt auf ein Birnenblatt. Dort leuchtete er weiter, klein wie ein ferner Stern.
„Bis morgen“, flüsterte sie.
Dann kroch sie zurück auf ihr Mooskissen. Piko rollte sich auf einem Blatt neben dem Eingang zusammen und dämpfte sein Licht ganz.
Milla dachte noch einmal an den plitschenden Teich. An die dicke Erdbeere. An den Käfer in Gummistiefeln. Ihre Flügel wurden locker, ihre Fühler sanken auf das Kissen.
Draußen schaukelte der goldene Punkt im Nachtwind. Bei jedem Atemzug leuchtete er ein wenig schwächer – und wartete geduldig darauf, morgen früh als erste kleine Freude in Millas Tag zu hüpfen.

Ein Gedanke zum Mitnehmen
Schöne Erlebnisse verschwinden nicht, nur weil ein Tag zu Ende geht. In unseren Erinnerungen können wir sie sicher aufbewahren und später immer wieder hervorholen. Vielleicht gibt es auch in deinem Tag einen kleinen Moment, den du vor dem Einschlafen noch einmal besuchen möchtest.
Eine vertraute Abendroutine kann dabei helfen, den Tag Schritt für Schritt zu verabschieden. Der kostenlose Routineplaner für Kinder macht solche wiederkehrenden Abläufe sichtbar. Wenn vor dem Einschlafen noch Gedanken durch den Kopf tanzen, erzählt außerdem der kleine Stern Firo, wie gut es tun kann, sie mit einem vertrauten Menschen zu teilen.
Gute Nacht, du kleiner Lichtsammler. Schlaf schön.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam den Tag verabschieden
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Diesmal hat er drei Fragen zum gemeinsamen Weiterdenken: Manche schönen Augenblicke möchten wir am liebsten festhalten. Nehmt euch vor dem Schlafengehen einen ruhigen Moment und sprecht darüber:
- Welche schönen Dinge hatte Milla in ihrer Laterne gesammelt?
- Welchen Moment aus deinem Tag möchtest du in Erinnerung behalten?
- Worauf freust du dich morgen?

Noch mehr gemeinsame Vorlesezeit
Kurze Gute-Nacht-Geschichten
42 kurze Einschlafgeschichten und kleine Traumreisen begleiten Babys und Kleinkinder liebevoll durch das Abendritual – bewusst ruhig erzählt und ideal zum gemeinsamen Vorlesen.
