Löwe Milo und das unmögliche Rennen
Milo will schneller sein als sein eigener Schatten. Das unmögliche Rennen führt ihn quer durch die Savanne – und zu einer überraschenden Erkenntnis.

Eine Geschichte zum Vorlesen
Eine lustige Löwengeschichte für Kinder über Selbst-
vertrauen und gesunden Stolz
Milos Schatten war an diesem Morgen vor ihm am Wasserloch angekommen. Das konnte Milo nicht auf sich sitzen lassen. Der junge Löwe stellte eine Vorderpfote auf einen Stein und betrachtete das lange schwarze Löwenbild, das sich durch das Gras zog. „Du hältst dich wohl für besonders schnell.“
Der Schatten antwortete nicht. Er lag einfach da und sah aus, als hätte er das Rennen längst gewonnen.
Ein Zebra hob den Kopf vom Wasser. „Mit wem redest du?“
„Mit meinem Gegner.“
„Das ist dein Schatten.“
„Noch“, sagte Milo. „Gleich wird er sehen, wer der Bessere ist.“
Das Zebra hörte auf zu trinken. Auch zwei Erdmännchen, ein Strauß und ein Nashornkalb kamen näher. In der Savanne passierte am frühen Morgen gewöhnlich nicht viel. Ein Löwe, der gegen seinen eigenen Schatten antreten wollte, war da eine willkommene Abwechslung.
Milo ging ein paar Schritte zurück. Sein Schatten glitt mit. „Das wird einfach“, verkündete er. „Ich bin schließlich der schnellste Läufer weit und breit.“
Der Strauß räusperte sich.
„Einer der schnellsten“, verbesserte sich Milo.
Der Strauß räusperte sich wieder.
„Der schnellste Läufer mit Mähne“, sagte Milo.
Damit konnten alle leben. „Auf die Plätze!“, rief das kleinere Erdmännchen.
Milo drückte den Bauch tief ins Gras. „Fertig!“
Seine Schwanzspitze zuckte. „Los!“
Milo schoss davon. Staub wirbelte hinter seinen Pfoten auf. Das Gras wehte zur Seite. Seine Mähne flatterte wie eine Decke auf der Wäscheleine. Doch sein Schatten raste vor ihm her.
Milo streckte den Hals. Er machte größere Schritte. Noch größere. Schließlich lief er so weit nach vorn gebeugt, dass seine Nase beinahe den Boden berührte. Der Schatten blieb vorn.
„Er hat zu früh angefangen!“, keuchte Milo.
„Er hat sich gleichzeitig mit dir bewegt“, rief das Zebra.
„Dann hat er längere Beine!“
Das Zebra betrachtete die dunkle Gestalt im Gras. „Deine Beine.“
Milo hörte nicht zu. Vor ihm erhob sich ein Termitenhügel. Milo sprang hinauf, nahm Anlauf und stieß sich mit allen vier Pfoten ab. Für einen Augenblick flog er durch die Luft. Sein Schatten flog unter ihm. Milo landete auf der anderen Seite in einem Büschel trockenen Grases. Eine Wolke aus Halmen legte sich auf seine Mähne.
Das Nashornkalb klatschte begeistert mit den Ohren. „Ein großartiger Sprung!“
„Aber nicht weit genug“, brummte Milo.
Milo lief im Zickzack. Er lief einen Kreis. Er lief rückwärts, seitwärts und drei Schritte lang sogar auf den Vorderpfoten. Danach lag er auf dem Rücken, und seine Hinterbeine zeigten in den Himmel.

Das größere Erdmännchen beugte sich über ihn. „Ist das noch Teil des Rennens?“
„Selbstverständlich“, sagte Milo. „Eine besondere Löwentechnik.“
„Sie sieht unbequem aus.“
„Das ist Absicht.“ Milo sprang auf und raste weiter.
✦
Plötzlich schob sich eine Wolke vor die Sonne. Der Schatten verschwand. Milo bremste so heftig, dass er in einer riesigen Staubwolke stand. Er sah nach links. Kein Schatten. Er sah nach rechts. Auch keiner. Milo streckte die Brust heraus. „GEWONNEN!“
Die Tiere blieben stehen. „Wo ist denn die Ziellinie?“, fragte der Strauß.
Milo hatte keine Ziellinie festgelegt. „Hier“, sagte er und zog mit einer Kralle einen Strich in den Boden.
In genau diesem Moment wanderte die Wolke weiter. Die Sonne kam wieder hervor. Milos Schatten erschien direkt hinter der frisch gezogenen Linie. Das kleinere Erdmännchen legte den Kopf schief. „Dann hat er auch gewonnen.“
„Unmöglich!“
„Er steht im Ziel.“
„Er hat die Wolke als Abkürzung genommen!“
Milo rannte weiter. Inzwischen stand die Sonne höher. Sein Schatten wurde kürzer, aber abschütteln ließ er sich nicht. Schließlich stand die Sonne fast senkrecht über der Savanne und Milo blieb stehen. Sein Schatten war nur noch ein kleiner dunkler Fleck unter seinen Pfoten. Ganz langsam hob Milo eine Vorderpfote. Der Fleck blieb darunter. Milo stellte die Pfote wieder ab. „ICH HABE IHN!“, rief er. „Ich stehe auf ihm!“

Die anderen Tiere kamen schnaufend heran. Das Zebra betrachtete Milos Pfoten. Der Strauß beugte den langen Hals hinunter. Die Erdmännchen gingen einmal um den Löwen herum. „Und wie hast du ihn überholt?“, fragte das größere.
„Ich habe ihn besiegt.“
„Du stehst auf ihm.“
„Das ist fast dasselbe.“
„Nein“, sagte der Strauß.
Milo schaute zurück. Vom Wasserloch bis hierher zog sich eine wilde Spur durchs Gras. Sie führte über den Termitenhügel, im Kreis um einen Busch, durch den trockenen Bach und zweimal um denselben Felsen. Seine Beine zitterten. Seine Zunge hing ihm aus dem Maul. In seiner Mähne steckten Halme und drei kleine Blätter. Er hatte seinen Schatten nicht überholt. „Dann habe ich verloren“, murmelte Milo.
Das Nashornkalb schüttelte den Kopf. „Du bist über den ganzen Bach gesprungen.“
„Und über den Termitenhügel“, sagte ein Erdmännchen.
Der Strauß nickte. „Schnell warst du auch.“
„Nicht schneller als mein Schatten.“
„Schatten haben keine müden Beine“, sagte das Zebra. „Das ist ein ziemlich unfairer Vorteil.“
Milo sah auf seine zitternden Beine und musste lachen. Erst leise. Dann so laut, dass die Savanne bebte. „Der Sprung über den Bach“, keuchte Milo, „der war wirklich gut.“
„Sehr gut“, sagte das Nashornkalb.
Milo wartete darauf, dass jemand „der beste Sprung aller Zeiten“ hinterherschob. Niemand tat es. Und trotzdem – merkwürdigerweise – fühlte Milo sich ein ganzes Stück größer als heute Morgen.
Gemeinsam gingen sie zurück zum Wasserloch.
☾
Als die Sonne am Abend tief über der Savanne stand, wurde Milos Schatten wieder lang. Er streckte sich über das Gras und reichte bis zu den Erdmännchen hinüber. Das kleinere stellte sich vorsichtig hinein. Genau in die dunkle Mähne.
„Guckt mal!“, quiekte es. „Ich bin ein Löwe!“
Sein Schatten sah aus wie ein winziger Löwe mit einem sehr langen Schwanz. Die Tiere lachten, und dann wollten alle. Das Nashornkalb bekam eine Löwenmähne. Der Strauß trug plötzlich vier Löwenbeine. Das Zebra schaffte es sogar, zwei Köpfe zu haben.

Milo legte sich ins warme Gras und schaute ihnen zu. Er rührte sich extra nicht, damit sein Schatten schön lang blieb.
„Dein Schatten ist ziemlich groß“, sagte das Nashornkalb.
Milo nickte zufrieden. „Und meine Mähne sieht großartig aus.“
Diesmal räusperte sich niemand.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Man muss nicht der Schnellste sein, damit ein Lauf ein guter Lauf ist.
Milo entdeckt, dass Stolz nicht davon abhängt, besser als alle anderen zu sein. Wie Erwachsene Kinder nach Rückschlägen begleiten und ihren Blick auf die eigenen Stärken und ihre Selbstwirksamkeit richten können, erklärt der Elternbeitrag Resilienz bei Kindern stärken.
Dass das eigene Leuchten nicht kleiner wird, wenn auch andere strahlen dürfen, erzählt außerdem Lumi das Einhorn und der Garten des Lichts.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Vergleiche und Selbstvertrauen sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Milos unmöglichem Rennen möchte er mit euch über Gewinnen, Stolz und die eigenen Stärken sprechen. Sprecht miteinander darüber:
- Warum konnte Milo seinen eigenen Schatten nicht überholen?
- Was hatte Milo während des Rennens geschafft, obwohl er nicht gewann?
- Worauf bist du stolz, auch wenn du darin nicht der oder die Beste bist?

Noch mehr Geschichten über Gefühle und innere Stärke
Sei achtsam, kleiner Löwe!
Milos Rennen lädt dazu ein, die eigenen Stärken zu entdecken, ohne sich ständig mit anderen zu messen. Das Buch versammelt 15 Achtsamkeitsgeschichten über Gefühle, Selbstregulation und emotionale Entwicklung – ergänzt durch Übungen, Reflexionsfragen und Fantasiereisen.
