Hauke Hai und
das geliehene Leuchten

Hauke leiht sich Neris magische Leuchtperle – und verliert sie ausgerechnet im verbotenen Schiffswrack. Kann er seinen Fehler wiedergutmachen?

4–7 Jahre

Etwa 11 Minuten

Neri bindet dem jungen Riffhai Hauke eine blau leuchtende Perle an die Brustflosse.

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine Kindergeschichte
über Vertrauen, Ehrlichkeit und Verantwortung

„Vor der dritten Riffglocke bringe ich es zurück“, versprach Hauke Hai. Neri betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. Sie war ein Kardinalbarsch, silbrig gestreift und ungefähr halb so lang wie Haukes Schnauze. Zwischen ihren Flossen schwebte eine kleine Leuchtperle. Sie schimmerte blau wie ein Stück Nachthimmel, das ins Meer gefallen war.

„Nicht nach der dritten Glocke.“ „Vorher.“ „Und du schwimmst nicht damit zum alten Schiffswrack.“

Haukes Schwanzflosse zuckte. Er war ein junger Riffhai, kaum älter als ein Jahr, aber schon lang genug, dass die kleineren Fische ihm auswichen. „Warum sollte ich denn zum Schiffswrack schwimmen?“

Hinter ihm verschluckte sich Pippa an einer Alge. Pippa war ein Papageienfisch, grün, blau und rundlich, mit einem Maul, das aussah wie ein Schnabel und sogar Korallen zerknabbern konnte.

Neri band die Perle mit einem Seegrasband unter Haukes linke Brustflosse. „Heute Abend führe ich meine kleinen Geschwister durch die Dunkelrinne. Kardinalbarsche sind nun einmal nachts unterwegs. Und ohne das Leuchten finden die Kleinen den Eingang nicht.“

Hauke nickte feierlich. „Du kannst dich auf mich verlassen.“ Dann schwamm er los.

Die Perle war eigentlich nur für den Finsterbogen gedacht. Dieser schmale Tunnel führte unter dem Korallenriff hindurch und war selbst mittags stockdunkel. Hauke wollte beweisen, dass er ihn durchqueren konnte, ohne ein einziges Mal gegen eine Wand zu stoßen. Pippa schwamm hinterher.

„Wir schwimmen durch den Bogen“, sagte sie. „Danach zurück zu Neri.“

„Genau.“

„Nicht zum Schiffswrack.“

„Warum reden heute eigentlich alle von diesem Wrack?“

Pippa holte auf. „Weil du gerade falsch abbiegst.“

Hauke zog eine lange Kurve. „Ich wollte nur prüfen, ob du aufpasst.“

Im Finsterbogen verschluckte die Dunkelheit das letzte Sonnenlicht. Nur die Perle blieb sichtbar. Ihr blauer Schein glitt über Felsen, Anemonen und Haukes spitze Zähne. Eine Garnele sah ihn und fiel vor Schreck rückwärts in ihren Bau.

„Entschuldigung“, sagte Hauke.

„Schon gut“, piepste es aus dem Loch. „Ich wollte sowieso aufräumen.“

Hauke schwamm weiter. Er nahm jede Biegung sauber und streifte kein einziges Mal die Wand. Als sie aus dem Tunnel kamen, lag vor ihnen das alte Schiffswrack. Seine Masten ragten schief aus dem Sand. Hinter den leeren Fensteröffnungen war nur Dunkelheit zu erkennen.

Pippa sah Hauke an. Hauke sah das Wrack an. „Einmal außen herum“, sagte er. „Das zählt nicht als Hineinschwimmen.“

„Hauke.“

„Nur bis zum Fenster.“

„Hauke.“

„Vielleicht ein ganz kleines Stück durch das Fenster.“

Pippa blies die Backen auf. Bei Papageienfischen war das ein sehr deutliches Nein. Aber Hauke war schon zwischen zwei zerbrochenen Planken verschwunden.

Im Inneren des Wracks schwebten alte Flaschen, verrostete Löffel und ein Stiefel, in dem eine Krabbe wohnte. „BESETZT!“, rief sie, als Hauke hineinleuchtete.

„Ich suche nur den Ausgang.“

„Dann such woanders.“

Hauke bog um eine Holzwand. Dahinter lag die alte Kapitänskajüte. Die Dielen waren krumm und aufgeplatzt, und zwischen ihnen klafften schmale Spalten. Über alles hatte sich ein zerrissenes Fischernetz gelegt, so alt, dass Muscheln darauf wuchsen. „Sieht aus wie eine Falle“, sagte Hauke.

Und schwamm hinein. Mit der Schwanzflosse streifte er einen wackeligen Balken.

KRACH!

Der Balken kippte. Eine Wolke aus Sand breitete sich aus. Pippa schoss rückwärts aus dem Fenster. Die Krabbe knallte ihre Stiefeltür zu. Und aus einem alten Fass schnellte ein Aal hervor, lang und dünn und außerordentlich schlecht gelaunt.

„WER WECKT MICH?“

Hauke riss vor Schreck die Flosse hoch. Das Seegrasband verhakte sich im Netz.

RATSCH!

Die Perle löste sich, sank durch das Wasser und kullerte über die krummen Dielen. Einmal sprang sie auf. Dann noch einmal. Dann verschwand sie in einem Spalt zwischen zwei Brettern.

Blub.

„Meine Perle!“

Hauke und Pippa erschrecken, als die blaue Leuchtperle im alten Schiffswrack zwischen die Dielen fällt.
Im alten Schiffswrack löst sich Neris Leuchtperle und verschwindet zwischen den Dielen.

Hauke presste ein Auge an den Spalt. Ganz unten schimmerte es schwach blau. Er versuchte, die Schnauze hineinzuschieben. Sie passte nicht einmal halb hinein.

Von draußen kam ein ferner Ton. Bong. Die erste Riffglocke.

„Wir haben noch Zeit“, sagte Hauke.

Pippa schaute auf den Spalt. „Nicht besonders viel.“

Hauke zerrte an der Diele. Er stemmte sich dagegen. Er biss in ein Netzseil und bekam den Geschmack von dreihundert Jahre altem Schiffstau auf die Zunge. „BÄH! Das schmeckt wie ein nasser Bart.“ Die Diele bewegte sich keinen Flossenschlag weit.

Bong.

Die zweite Riffglocke. Hauke starrte auf den dunklen Ausgang. Wenn er jetzt zurückschwamm, musste er Neri sagen, dass ihre Perle weg war. Vielleicht könnte er behaupten, das Band sei einfach gerissen. Oder ein Aal habe sie gestohlen.

Der Aal schob den Kopf aus dem Fass. „Zieh mich da bloß nicht mit rein.“

Pippa sagte gar nichts. Sie wartete nur. Hauke ließ das Seil los. Sein Bauch fühlte sich an, als hätte er einen Stein verschluckt. „Wir müssen zurück.“

Als sie die Korallenstadt erreichten, standen Neri und sechs kleine Kardinalbarsche schon vor der Dunkelrinne. Die Kleinen trugen winzige Taschen aus Muschelschalen. Neri sah sofort auf das leere Seegrasband. „Wo ist mein Leuchten?“

Hauke öffnete das Maul. Es kam nichts heraus. Er versuchte es noch einmal. „Im Wrack“, sagte er. „Ich bin hineingeschwommen, obwohl ich es nicht sollte. Und dann ist die Perle zwischen die Dielen gefallen.“

Neri sagte nichts. Das war schlimmer als Schimpfen.

„Ich hole sie zurück“, sagte Hauke.

„Die dritte Glocke läutet gleich.“

„Dann bleibst du besser hier.“

Neri schüttelte den Kopf. „Es ist meine Perle. Natürlich komme ich mit.“

Die kleinen Kardinalbarsche blieben bei einer Korallengärtnerin. Dann schwammen Hauke, Neri und Pippa zurück zum Wrack.

Über dem alten Schiffsboden hing immer noch das Netz. „Erst muss das weg“, sagte Neri. „Sonst kommt keiner an die Dielen.“

Hauke schaute auf das Netz. Dann auf seine eigenen Zähne. „Dafür bin ich zuständig.“

Er biss zu. Es schmeckte immer noch wie ein nasser Bart, aber diesmal beschwerte er sich nicht. Faser für Faser riss das alte Tau. Pippa knabberte von der anderen Seite mit ihrem harten Papageienmaul. RATSCH! Das Netz gab nach. Neri zog es zur Seite, bis der Schiffsboden frei lag.

Alle drei schauten in den Spalt. Ganz unten schimmerte es blau. „Da kommen wir nie hin“, sagte Neri.

Aus dem Fass kam ein Gähnen. „Ihr macht schon wieder Krach.“

Alle drei drehten sich um. Der Aal betrachtete den Spalt. Dann betrachtete er sich selbst. Dann seufzte er sehr lang. „Ich bin dünn. Ich bin lang. Und ich werde es garantiert bereuen.“

Er schlängelte sich in die schmale Ritze zwischen den Brettern. Erst war noch seine Schwanzspitze zu sehen. Dann nicht einmal mehr die. Es dauerte. Dann schob sich die Perle nach oben und schwebte wie ein kleiner blauer Mond durch das Wrack.

Hauke fing sie vorsichtig mit der Schnauze auf. „Danke“, sagte er.

„Schon gut“, sagte der Aal, während er rückwärts wieder herauskroch. „Aber weck mich nie wieder.“

Hauke, Neri, Pippa und der Aal bergen gemeinsam die blaue Leuchtperle aus dem Schiffswrack.
Gemeinsam entfernen die Freunde das alte Netz und holen Neris Leuchtperle aus dem Spalt.

Draußen ertönte die dritte Riffglocke. Bong.

An der Dunkelrinne warteten die kleinen Kardinalbarsche immer noch. Hauke gab Neri die Perle. „Sie gehört dir.“

Neri drehte sie einmal im Wasser und band sie diesmal an ihrer eigenen Flosse fest. „Du warst zu spät“, sagte sie.

Hauke senkte den Kopf. „Ich weiß.“

Dann schwammen die Kleinen in den Tunnel. Neri leuchtete ihnen voraus. Hauke blieb am Eingang stehen, bis auch der letzte winzige Schwanz in der Dunkelheit verschwunden war.

Da tauchte Neri noch einmal auf. „Kommst du mit?“

Hauke blinzelte. „Darf ich denn?“

„Die Perle leihe ich dir nicht mehr.“

„Verstehe ich.“

„Aber deine Zähne könnte ich gebrauchen“, sagte Neri. „Falls im Tunnel auch irgendwo ein altes Netz hängt.“

Hauke schwamm neben ihr her. Nicht voraus. Und so wanderte das blaue Leuchten durch die Dunkelrinne, begleitet von sechs kleinen Kardinalbarschen, einem Papageienfisch und einem jungen Hai, der diesmal ganz genau wusste, wem es gehörte.

Neri führt sechs kleine Kardinalbarsche mit ihrer blauen Leuchtperle durch die Dunkelrinne, begleitet von Hauke und Pippa.
Mit dem zurückgebrachten Leuchten führt Neri ihre Geschwister sicher durch die Dunkelrinne.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Wer dir etwas leiht, gibt dir nicht nur eine Sache, sondern auch sein Vertrauen.
Auf beides muss man gut aufpassen.

Hauke kann seinen Fehler nicht ungeschehen machen. Doch er sagt Neri die Wahrheit, übernimmt Verantwortung und hilft dabei, die Perle zurückzuholen.

Wie aus einem falsch gewählten Weg durch Ehrlichkeit und Zuhören wieder ein guter Weg werden kann, zeigt Ritter Jori und der Dornröschen-Gedächtnispfad. Auch Elva und Wanja erleben in Auf zum Großen Fluss!, warum Vertrauen wachsen kann, wenn man einen Fehler offen zugibt.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo, der Märchenwichtel, denkt über Haukes Versprechen und den Wert von Vertrauen nach.

Gemeinsam über Ehrlichkeit, Vertrauen und Verantwortung sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Haukes Unterwasserabenteuer möchte er mit euch über Versprechen, Ehrlichkeit und Vertrauen sprechen:

  • Warum fiel es Hauke so schwer, Neri zu erzählen, was mit der Leuchtperle passiert war?
  • Wie halfen Hauke, Neri, Pippa und der Aal einander dabei, die Perle zurückzuholen?
  • Was kannst du tun, wenn du etwas Geliehenes beschädigst, verlierst oder nicht rechtzeitig zurückbringen kannst?

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