Auf zum Großen Fluss!

Zwei junge Wölfe, ein unbekannter Weg und ein Ziel, das größer klingt als alles, was sie bisher gesehen haben.

5–8 Jahre

Etwa 11 Minuten

Die jungen Wölfe Elva und Wanja brechen gemeinsam zu einer Wanderung durch den Wald auf.

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine spannende Geschichte über Ehrlichkeit, Vertrauen und ein großes Abenteuer

In einem dichten Wald mit vielen Höhlen und Verstecken lebten die jungen Wölfe Elva und Wanja. Die beiden spielten und kabbelten miteinander, solange sie denken konnten. Elva war ein richtiger Wirbelwind und beeindruckte ihren Freund Wanja gern. „Am Großen Fluss sind die Wellen höher als die Bäume in unserem Wald“, sagte Elva.

Wanja hörte auf, an seinem Grashalm zu kauen. „Du warst schon dort?“

„Klar.“

„Ganz alleine?“

Elva strich sich mit einer Pfote über das Ohr. „Natürlich.“

Wanja sah sie mit großen Augen an. „Kannst du mich hinbringen?“

„Wann denn?“

„Jetzt gleich!“

Elvas Schwanzspitze zuckte einmal durch das Gras. „Na klar!“, sagte sie ganz selbstverständlich.

„Auf zum Großen Fluss!“, rief Wanja und sprang vor Aufregung im Kreis.

Elva ging voraus. Sie hielt den Kopf hoch und setzte ihre Pfoten so bestimmt auf den Boden, dass Wanja ihr ohne zu zögern folgte. Am ersten Abzweig nahm sie den linken Weg. Am zweiten den rechten. Am dritten bog sie auf einen kaum sichtbaren Trampelpfad ab.

„Warum hier entlang?“, fragte Wanja erstaunt.

„Abkürzung.“

„Du kennst sogar eine Abkürzung?“

„Natürlich.“

Elva wurde etwas schneller. Nach einer Weile kamen sie an einem Baum mit einem großen Loch im Stamm vorbei. Eine Stunde später standen sie wieder vor einem Baum mit einem großen Loch im Stamm.

„Guck mal“, sagte Wanja. „Genau so einer wie vorhin.“

„Gibt viele davon“, entgegnete Elva frech.

Elva und Wanja stehen erneut vor einem alten Baum mit einem großen Loch im Stamm.
Der Baum mit dem Loch kommt Wanja bekannt vor – Elva läuft lieber schnell weiter.

Nach einer halben Ewigkeit hörten sie schließlich Wasser. „DER GROSSE FLUSS!“, rief Wanja und raste durch die Farne. Hinter einem Gebüsch fanden sie einen Bach. Er war ungefähr so breit wie Elvas Schwanz und plätscherte über drei kleine Steine.

Wanja betrachtete ihn mit großen Augen. „Das ist jetzt aber schon recht armselig.“

„Das ist nicht der Große Fluss“, entgegnete Elva mürrisch und blickte sich unentschlossen um. Während Wanja noch den Bach musterte und Elva ihre Blicke in alle Richtungen schweifen ließ, verdunkelte sich der Himmel. Wind kam auf und in der Ferne war das Grollen des Donners zu hören.

Wanja erschrak und rückte näher an Elva heran. „Wir gehen jetzt lieber zurück, oder?“

Elva öffnete den Mund ohne ein Wort zu sagen.

„Elva?“

„Ich weiß nicht, wo wir sind“, sagte sie kleinlaut.

Wanja lachte. „Sehr witzig.“

„Ich mache keinen Witz.“

Sein Lachen blieb ihm im Halse stecken. „Aber du kennst den Weg.“

Elva schaute auf ihre Pfoten. „Nein.“

„Du warst doch schon am Großen Fluss.“

Sie schüttelte den Kopf. Es wurde still.

„Aber du hast gesagt …“

„Ich weiß.“

Wanja setzte sich hin. Er schimpfte nicht. Eine Weile sagte er überhaupt nichts und das war fast noch schlimmer. „Ich habe dir vertraut“, sagte er schließlich.

Elvas Ohren legten sich an ihren Kopf. „Es tut mir leid.“

Die beiden jungen Wölfe Elva und Wanja sitzen während eines Gewitters unter einem schützenden Felsvorsprung.
Als das Gewitter losbricht, sagt Elva endlich, was sie den ganzen Tag verschwiegen hat.

Der erste Regentropfen landete auf Wanjas Nase. Dann öffnete der Himmel sämtliche Wasserhähne gleichzeitig. Sie flüchteten unter einen Felsvorsprung und suchten Schutz.

„Ich habe Angst“, sagte Wanja.

„Ich auch.“

Er blickte zu ihr. „Du hast nie Angst.“

„Ich hatte die ganze Zeit Angst“, gab Elva zu. „Seit dem Baum mit dem Loch.“

„Du meinst den Baum, an dem wir zweimal vorbeigekommen sind?“ Wanja blinzelte. „Und ich dachte wirklich, davon gäbe es viele.“

Elva war das sehr peinlich. Sie begann aber auch leicht zu schmunzeln und schaute Wanja auffordernd an. „Und jetzt?“

„Keine Ahnung. Ich habe nicht auf den Weg geachtet“, sagte Wanja.

Als das Gewitter endlich weiterzog, war es bereits dunkel. Die beiden rollten sich unter dem Felsvorsprung zusammen.

Am nächsten Morgen erinnerte sich Elva: „Als wir losgelaufen sind, hatten wir die Sonne im Rücken. Also müssen wir jetzt mit der Sonne vor uns zurück.“

„Und dann?“

„Suchen wir den Bach. Vom Bach aus finden wir vielleicht den Baum wieder.“

Sie machten sich mit der Sonne im Gesicht auf den Heimweg. Nach ein paar Umwegen standen sie vor dem Baum mit dem großen Loch im Stamm. Die beiden schauten sich an und fühlten sich unglaublich erleichtert, als würde man einen Rucksack voller Steine absetzen. Auf dem Rückweg kamen sie glücklicherweise nur einmal an dem Baum vorbei. Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit wunden Pfoten reckte Wanja seine Nase in die Luft.

„Du, Elva, es riecht nach Zuhause.“

Elva blieb stehen und schnüffelte. „Du hast recht!“

Kaum hatten sie die Worte ausgesprochen, sprang Elvas Mutter aus dem Unterholz und lief auf sie zu. Sie drückte die beiden so fest, dass sie kaum Luft bekamen. „Da seid ihr ja! Wo wart ihr?“

Wanja öffnete den Mund. Doch Elva war schneller. „Ich habe behauptet, ich kenne den Weg zum Großen Fluss“, sagte sie. „Das war gelogen. Dann haben wir uns verlaufen.“

Ihre Ohren waren heiß und ihr Magen ganz flau. Doch kaum hatte sie die Wahrheit ausgesprochen, beruhigte sich ihr Körper schon wieder etwas. Die Mutter schaute etwas vorwurfsvoll, führte die beiden dann aber überglücklich zurück zum Rudel.

Zwei Wochen später standen Elva und Wanja wieder am Waldrand. Diesmal wusste Elvas Mutter, wohin sie wollten und diesmal hatte Wanja etwas mitgebracht: ein flaches Stück Birkenrinde und ein Stück Holzkohle.

„Was soll das werden?“, fragte Elva.

„Eine Karte.“

„Wölfe machen keine Karten.“

„Dieser hier schon.“

Elva schaute auf ihre Pfoten. Dann sagte sie den Satz, den sie sich die ganze Nacht vorher überlegt hatte. „Ich kenne den Weg bis zum Baum mit dem Loch. Danach bis zum kleinen Bach. Weiter nicht.“

Wanja nickte, als wäre das die normalste Sache der Welt. „Gut. Dann passen wir diesmal beide auf.“

Und so liefen sie los, nebeneinander diesmal. Bei jedem Abzweig blieben sie stehen. Elva sagte, wo sie hinwollten, und Wanja kratzte einen Strich in die Rinde. Seine Tanne sah aus wie eine haarige Kartoffel und sein Bach wie ein zerknautschter Wurm, aber sie konnten alles wiedererkennen. Am Baum mit dem Loch machten sie eine Pause. Eine kleine Wanderung später entdeckten sie auch schon den Bach von ihrem ersten Ausflug.

Elva blieb stehen. „Ab hier weiß ich gar nichts mehr.“

„Ich auch nicht“, sagte Wanja. „Dann sind wir ja gleich schlau.“

Sie spitzten die Ohren. Weit hinter den Hügeln rauschte etwas. Viel stärker als der kleine Bach. „Da lang“, sagten beide gleichzeitig.

Am Nachmittag standen sie am Ufer des Großen Flusses. Das Wasser glitzerte zwischen den Felsen. Auf den Wellen schwammen Blätter wie kleine goldene Boote.

Elva und Wanja sitzen mit ihrer selbst gezeichneten Karte am Ufer des Großen Flusses.
Mit einer selbst gezeichneten Karte erreichen Elva und Wanja schließlich den Großen Fluss.

Wanja setzte sich hin und sagte eine ganze Weile gar nichts. Dann sagte er: „Elva?“

„Ja?“

„Die Wellen sind überhaupt nicht höher als die Bäume.“

Elva legte die Ohren an.

„Sie sind ungefähr so hoch wie mein Ohr“, sagte Wanja.

„Ich weiß.“ Elvas Stimme war ganz leise. „Ich habe das erfunden.“

„Weiß ich.“ Wanja schaute weiter auf das Wasser. „Ist trotzdem das Schönste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe“, sagte er.

Elva schaute ihn von der Seite an. Dann setzte sie sich neben ihn, und sie schauten beide zu, wie die goldenen Blätterboote um die Felsen kurvten.

„Du, Elva?“

„Hm?“

„Nächstes Mal will ich sehen, wo der Fluss hingeht.“

Elva öffnete den Mund. Für einen kurzen Moment wollte sie sagen: Das weiß ich, da war ich schon. Sie sagte es nicht. „Keine Ahnung, wo der hingeht“, sagte sie stattdessen. „Aber wir haben ja jetzt eine Karte.“

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Ehrlichkeit macht einen falschen Weg nicht ungeschehen. Aber sie ist der erste Schritt, um gemeinsam einen neuen zu finden. Wer zugibt, etwas nicht zu wissen, verliert nicht automatisch das Vertrauen der anderen. Oft beginnt genau dort echtes Vertrauen wieder zu wachsen. Elva kann ihren ersten Ausflug nicht ungeschehen machen.

Sie übernimmt jedoch Verantwortung, plant den nächsten Versuch gemeinsam mit Wanja und wächst an der Erfahrung. Welche Bedingungen Kinder dabei unterstützen, nach Fehlern und schwierigen Erlebnissen wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, erklärt der Elternbeitrag Resilienz bei Kindern stärken. Dass auch ein misslungener erster Versuch zu einer besseren Lösung führen kann, erlebt außerdem Brommel Biber an seinem schiefen Staudamm.

Man muss nicht jeden Weg kennen. Es reicht, ehrlich zu sagen, wie weit man kommt – und gemeinsam weiterzuschauen.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo, der Märchenwichtel, lädt mit einer freundlichen Geste zum Gespräch ein.

Gemeinsam über Ehrlichkeit sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der Märchenwichtel und begleitet Kinder durch unsere Geschichten. Nach Elvas und Wanjas Abenteuer hat er drei Fragen für euch:

  • Warum behauptet Elva zuerst, den Weg zum Großen Fluss zu kennen?
  • Wie verändert sich Wanjas Vertrauen, nachdem Elva die Wahrheit gesagt hat?
  • Wann hast du schon einmal gesagt: „Das weiß ich nicht“ – und wer konnte dir danach helfen?

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