Nola, die junge Drachin und die Wolkeninsel der sieben Atemzüge

Manchmal trägt uns der Wind erst dann, wenn wir aufhören, gegen ihn anzukämpfen.

4–8 Jahre

Etwa 9 Minuten

Die junge Drachin Nola fliegt über den Drachenbergen auf die schwebende Wolkeninsel zu

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine Entspannungsgeschichte für Kinder über
sieben ruhige Atemzüge

Einmal im Jahr schwebte die Wolkeninsel über die Drachenberge. Sie war rund und schneeweiß und auf ihr wuchsen silberne Gräser in den Himmel. Die alten Drachen erzählten, dass zwischen den Halmen gläserne Glockenblumen standen, die nur für denjenigen klingelten, der sich ganz still neben sie setzte. Nola wollte das hören. Heute. Denn morgen war die Insel wieder fort.

Sie sprang vom höchsten Felsenzacken und breitete die Flügel aus. Der Morgenwind rauschte unter ihrem Bauch hindurch. Tief unter ihr glitzerten die Bergspitzen. Und geradeaus im Blau schwebte die Insel, so nah, dass Nola die einzelnen Grashalme zählen konnte.

„Ich hab dich!“, rief sie.

Wumm, wumm, wumm! Nola flog genau auf den weißen Rand zu. Doch als sie ankam, war der Inselrand ein Stück höher. Nola sauste darunter hindurch.

„Nicht mit mir!“

Sie holte tief Luft und pustete einen heißen Feuerstoß hinter sich. FFFWUSCH! Wie eine Rakete schoss sie nach oben. Ein paar Wolken bekamen Löcher. Eine sah danach aus wie ein Käse. Nola raste von oben auf die Insel zu. Doch als sie ankam, war die Insel ein Stück tiefer. Nola flatterte daran vorbei.

„So ein Mist!“

Beim dritten Mal nahm sie richtig Anlauf. Sie flog schneller als je zuvor. Ihre Flügelspitzen kribbelten, ihre Schuppen glühten, der Wind pfiff ihr in den Ohren. Und wieder war der Rand woanders. Ihre Brust brannte. Sie schnaufte viel zu schnell, wie ein Blasebalg mit Schluckauf.

„Ich komme da nie rauf“, sagte sie leise.

✦

Bim. Vor Nolas Nase baumelte plötzlich ein silberner Faden mit einer winzigen Glocke daran. Nola bremste so abrupt, dass ihr Schwanz nach vorn schwang und sie sich fast selbst an der Nase kitzelte. Oben am Rand der Insel stand ein kleines Wesen. Es sah aus wie ein Stück Wolke, das sich Ohren gewünscht hatte.

„Festhalten!“, rief es.

„Ich brauche keine Hilfe“, keuchte Nola.

„Dann halt ihn eben nur ein bisschen fest.“

„Das ist trotzdem Hilfe.“

Das Wesen dachte kurz nach. „Dann nenn es eine fliegende Bekanntschaft.“

Da sackte Nola ab. Die Bergtäler kippten unter ihr weg wie grüne Falten in einer viel zu großen Decke. Sie griff nach dem Faden. Sofort hörte das Taumeln auf. Der Faden zog sie nicht. Er hielt sie nur gerade.

„Ich bin Flock“, sagte das Wolkenwesen.

„Nola.“ Sie schnappte nach Luft. „Warum weicht deine Insel mir dauernd aus?“

„Sie weicht nicht aus.“

„Ich habe sehr gute Augen.“

„Dann guck mal richtig hin.“

Nola guckte. Die Insel hob sich. Ganz langsam. Dann sank sie wieder. Genauso langsam. Dabei wurde sie erst ein bisschen größer und dann ein bisschen kleiner. Das silberne Gras neigte sich nach außen und richtete sich wieder auf. Nola blinzelte. „Sie atmet“, sagte sie.

„Ja“, sagte Flock. „Und du bist immer genau dann angekommen, wenn sie gerade Luft geholt hat.“

Nola schaute hinüber. Heben. Sinken. Heben. Sinken. Ihr eigener Atem ging noch immer viel zu schnell. Also versuchte sie, mit der Insel mitzuatmen.

Beim ersten Atemzug klappte es kaum. Aber sie roch den kalten Schnee von den Bergspitzen. Beim zweiten strich der Wind über ihre heißen Wangen. Beim dritten sanken ihre Schultern ein kleines Stück nach unten.

Beim vierten ließ Nola den Schwanz locker sinken. Er schaukelte wie ein Seil im Wind. Beim fünften wurden ihre Krallen locker. Am Faden machte die Glocke leise: Bim. Beim sechsten merkte Nola etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte. Der Wind drückte sie nicht bloß weg. Er trug sie auch. Die ganze Zeit schon.

Nola hält den silbernen Glockenfaden, während Flock auf der atmenden Wolkeninsel wartet
Mit jedem ruhigen Atemzug erkennt Nola deutlicher, dass der Wind sie nicht nur wegdrückt, sondern auch trägt.

Nola öffnete die Kralle und ließ den Faden los.

„Nola?“, rief Flock.

Doch Nola stürzte nicht. Sie breitete die Flügel aus und legte sich auf den Wind wie auf ein unsichtbares Kissen.

Die Insel hob sich. Nola hob sich mit. Die Insel sank. Nola sank mit. Sie flog nicht schneller. Sie wartete einfach, bis der Wind sie trug.

Dann kam der siebte Atemzug. Nola atmete ein, und die Insel kam ihr entgegen. Nola atmete aus und setzte eine Hinterpfote in das silberne Gras. Dann die zweite. Pluff!

Der Boden gab weich nach. Nola kullerte einmal, zweimal über den Wolkenboden und hatte am Ende ihren eigenen Schwanz über der Nase hängen.

Flock prustete los. „Sehr majestätisch.“

Nola schob den Schwanz beiseite und grinste. „War alles geplant.“

☾

Dann stand sie auf und sah sie. Zwischen den Gräsern standen die Glockenblumen. Ihre Blüten waren durchsichtig wie Glas und schimmerten blau und golden.

Nola setzte sich davor. Noch vorhin hätte sie gepustet. Oder gerüttelt. Oder ziemlich laut verlangt, dass diese Blumen jetzt bitte endlich klingelten. Stattdessen legte sie die Pfoten ruhig in die weichen Wolken und atmete weiter mit der Insel.

Ein. Und aus. Ein. Und aus.

Flock setzte sich neben sie und sagte kein Wort.

Da bewegte sich die erste Blüte. Bim.

Eine zweite antwortete. Bim-bim.

Und dann klingelte der ganze Garten. Nicht schrill wie ein Wecker, sondern ganz leicht und sanft. Die Töne schwebten durch die Luft wie kleine Seifenblasen und platzten irgendwo weit oben im Himmel.

Nola machte die Augen zu und hörte einfach nur zu.

Als die Sonne hinter die Berge rutschte, stellte sie sich an den Rand der Insel. Flock reichte ihr noch einmal den silbernen Faden.

„Nur für alle Fälle“, sagte er.

Nola schloss die Kralle darum und nickte. Diesmal sagte sie nichts davon, dass sie keine Hilfe brauchte.

Dann atmeten die Wolkeninsel, die junge Drachin und der Abendwind gemeinsam ein.

Und mit dem langen Ausatmen glitt Nola nach Hause, während hinter ihr die Glockenblumen noch siebenmal leise durch den Himmel klangen.

Nola und Flock lauschen bei Sonnenuntergang den leuchtenden Glockenblumen auf der Wolkeninsel
Ganz still lauschen Nola und Flock dem sanften Klingeln der gläsernen Glockenblumen.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Nola entdeckt, dass mehr Kraft und Geschwindigkeit sie nicht immer näher an ihr Ziel bringen. Erst als sie innehält, genauer hinschaut und Flocks Hilfe annimmt, spürt sie, dass der Wind sie längst trägt. Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, dass jemand anderes alles für uns tun muss. Manchmal schenkt sie uns nur den Halt, den wir für den nächsten eigenen Schritt brauchen.

Ruhiges Atmen kann eine von mehreren Möglichkeiten sein, den eigenen Körper wieder bewusster wahrzunehmen. Wie sich Achtsamkeit für Kinder spielerisch und ohne Leistungsdruck in den Alltag holen lässt, zeigt der vertiefende Elternbeitrag. Warum Kinder in angespannten Momenten außerdem zunächst die verlässliche Begleitung vertrauter Erwachsener brauchen, erklärt der Beitrag über Selbstregulation und Co-Regulation.

Manchmal führt ein ruhiger Atemzug weiter als sieben hastige Flügelschläge.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo schaut neugierig und lädt zum Gespräch über Nolas Geschichte ein

Gemeinsam über Ruhe und Hilfe sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Diesmal möchte er mit euch über Nolas Reise zur Wolkeninsel sprechen:

  • Warum erreichte Nola die Wolkeninsel zunächst nicht, obwohl sie immer schneller flog?
  • Was bemerkte Nola während der sieben Atemzüge?
  • Wann hat dir jemand schon einmal geholfen, ohne dir alles abzunehmen?

PASSEND ZUM THEMA

Mit Atem, Achtsamkeit und Ruhe weiterkommen

Buchcover Sei mutig, kleiner Drache! mit 15 Mutmach-Geschichten für Kinder

Noch mehr Mut für kleine Drachen

Sei mutig, kleiner Drache!

15 liebevoll erzählte Mutmach-Geschichten begleiten Kinder dabei, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und innere Stärke zu entwickeln – und den nächsten mutigen Schritt auf ihre eigene Weise zu gehen.

Noch mehr Geschichten entdecken

Welches Abenteuer darf als Nächstes beginnen?

Entdeckt weitere liebevolle Kindergeschichten zum Vorlesen oder findet eine Fantasiereise für gemeinsame ruhige Augenblicke.