Brommel Biber und der schiefe Staudamm

Manchmal macht Wut alles noch wackeliger – bis eine kleine Pause den Blick wieder frei macht.

4–7 Jahre

Etwa 9 Minuten

Brommel Biber versucht, den schiefen und undichten Staudamm im Waldbach zu reparieren

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine Geschichte über Wut
für Kinder, Ruhe und einen schiefen Damm

Bis zum Abend musste der Damm stehen. Brommel hatte es Oma versprochen. Sie war alt und schwamm nicht mehr gern in schnellem Wasser. Aber hinter einem Damm, da wurde der Bach zu einem stillen Teich, und in einem stillen Teich konnte auch eine alte Biberdame gemütlich ihre Runden ziehen.

Also stand Brommel seit dem Morgengrauen bis zum Bauch im Wasser. Er hatte kräftige Äste gesammelt, schwere Steine herangerollt und jede Menge Schlamm mit den Pfoten festgeklopft. Der Damm sollte breit werden. Stabil. Und vor allem gerade.

Stattdessen lehnte er schief zwischen den Ufern, als hätte er vergessen, wo oben und unten war. Durch eine Lücke spritzte ein dünner Wasserstrahl. Pfffft!

„Hör auf damit“, schimpfte Brommel.

Der Wasserstrahl spritzte weiter. Brommel schnappte sich einen Ast und stopfte ihn in die Lücke. Der Ast rutschte heraus. Er versuchte es mit einem Stein. Der Stein kullerte davon und landete auf seiner Hinterpfote. „Autsch!“ Jetzt wurden Brommels Ohren heiß. Seine Zähne pressten sich aufeinander. Unter seinem Fell kribbelte es, als würden dort hundert Ameisen mit stacheligen Schuhen herumlaufen.

Er packte drei Äste auf einmal. „Dann eben so!“ RUMMS! Brommel rammte die Äste in den Damm. Das Bauwerk ächzte. Ein zweiter Wasserstrahl schoss hervor. Pfffft!

„Nein!“ Er warf eine Ladung Schlamm dagegen. Platsch! Nun spritzte das Wasser an drei Stellen heraus.

„Du bist ja ein besonders gemeiner Damm, du willst mich wohl ärgern!“, rief Brommel. Er schlug mit dem Schwanz auf die Wasseroberfläche. KLATSCH! Eine Welle rollte gegen das Bauwerk. Der frische Schlamm löste sich und trieb in braunen Wolken davon. Im Schilf raschelte etwas.

„Du weckst den ganzen Bach auf“, sagte eine sehr zischende, sehr entspannte Stimme. Zwischen den Halmen glitt Sissa hervor, die Ringelnatter. Sie schlängelte sich elegant durchs Wasser, legte den Kopf auf einen flachen Stein und ließ den Rest von sich einfach treiben.

„Ich baue“, knurrte Brommel.

Sissa betrachtete das Bauwerk eine Weile. „Er zeigt nach links“, sagte sie. „Und nach rechts. Und ein bisschen nach unten.“

„Er ist noch nicht fertig.“

„Das beruhigt mich.“

Brommel griff nach dem nächsten Ast. „Ich brauche einfach mehr davon.“

„Mehr Äste?“

„Mehr von allem!“ Brommel stopfte Zweige, Blätter und eine alte Wurzel in die Lücken. Dabei arbeitete er immer schneller. Seine Pfoten rutschten ab. Sein Schwanz peitschte durchs Wasser. Ein Zweig verfing sich hinter seinem Ohr. Der Damm begann zu zittern. Erst ganz leicht. Dann stärker. Krrrk … krrrk …

Sissa hob den Kopf. „Brommel?“

„Gleich hält er!“ KRRRACK!

Die obere Astreihe sackte zusammen. Brommel sprang zur Seite. Das Wasser schob die losen Zweige davon und legte sie kreuz und quer am Ufer ab.

Brommel stand mitten im Bach. Schlamm klebte an seinem Bauch, an seinen Pfoten und sogar auf seinen Zähnen. Seine Brust hob und senkte sich schnell. Er dachte an Oma. Er dachte daran, wie sie heute Abend ankommen würde. „Ich mache ihn noch einmal“, sagte er. „Sofort. Und diesmal doppelt so schnell.“

Sissa rollte sich auf dem Stein zusammen. „Hm.“

„Was heißt hm?“

„Nichts.“ Sie schloss die Augen. „Ich bin selbst furchtbar schnell, wenn ich wütend bin. Einmal bin ich vor lauter Ärger in einen hohlen Baumstumpf geschlängelt und habe eine halbe Stunde gebraucht, um rückwärts wieder herauszukommen.“

Brommel hielt kurz inne. „Wirklich?“

„Zwei Feldmäuse haben zugeschaut. Sie erzählen es bis heute weiter.“

Brommel schnaubte. Es war fast ein Lachen, aber eben nur fast. In seinem Bauch brodelte es. Sein Schwanz zuckte. Er wollte schlagen. Er wollte schieben. Er wollte irgendwo kräftig hineinbeißen.

Brommel schloss die Augen und legte den Schwanz flach auf den kühlen Bachgrund. Das Wasser strömte darüber hinweg. Es war schwer, ihn dort liegen zu lassen. Sein ganzer Körper wollte etwas anderes. Aber die kühle Strömung strich weiter über seinen Schwanz, gleichmäßig und ruhig. Irgendwann wurden die stampfenden Ameisen unter seinem Fell langsamer.

Seine Ohren waren noch heiß. Also tauchte er sie ebenfalls kurz ins Wasser.

„Jetzt hast du Wasserpflanzen auf dem Kopf“, sagte Sissa.

Brommel hob den Blick. Tatsächlich hing ein grüner Faden über seiner Stirn. Er musste schnauben. Und diesmal wurde aus dem Schnauben ein richtiges Lachen.

Brommel kühlt seinen Biberschwanz im Bach, während die Ringelnatter Sissa vom Ufer aus zusieht
Im kühlen Wasser werden Brommels aufgeregte Gedanken langsam ruhiger.

Dann setzte er sich ins flache Wasser und schaute den Damm einfach nur an. Das Wasser zwischen den verstreuten Ästen wurde wieder klar. Brommel konnte bis auf den Grund sehen. Zwischen zwei Steinen steckte der gegabelte Ast, mit dem alles angefangen hatte.

Brommel legte den Kopf schief. Die Gabelung zeigte in die falsche Richtung. Das Wasser drückte gegen die glatte Seite und schob den Ast bei jedem Stoß ein Stückchen weiter hinaus.

„Ich habe ihn verkehrt herum eingesetzt“, sagte Brommel.

Sissa öffnete ein Auge. „Sieh an.“

Brommel watete zum Ufer. Diesmal griff er nicht nach drei Ästen. Er nahm nur den gegabelten. Er drehte ihn um und setzte ihn so zwischen die Steine, dass die Gabel sich fest verkeilte. Dann legte er einen zweiten Ast darüber und noch einen.

Nach jedem Ast trat Brommel einen Schritt zurück. Er schaute. Er lauschte. Er prüfte mit der Pfote, wo das Wasser drückte. Als sein Schwanz wieder unruhig wurde, legte er ihn kurz ins kühle Wasser.

Nach und nach wuchs der Damm. Er wurde nicht gerade. Dafür standen die Wurzeln am linken Ufer viel zu krumm. Doch die Äste saßen fest, und zwischen ihnen glitzerte nur noch ein schmales Rinnsal.

Brommel drückte die letzte Handvoll Schlamm in eine Lücke. Dann wartete er. Der Damm knarrte leise. Er bog sich ein kleines Stück. Aber er hielt.

Hinter ihm sammelte sich das Wasser zu einem ruhigen Teich. Darin spiegelten sich die Wolken, die Schilfhalme und eine Ringelnatter, die keinen einzigen Ast getragen hatte.

„Er ist schief“, sagte Sissa.

Brommel betrachtete sein Werk. Dann wischte er sich den Schlammstreifen von der Nase. „Ich weiß.“

„Baust du ihn nochmal?“

Brommel legte eine Pfote an den obersten Ast und drückte. Der Damm gab ein winziges Stück nach, wie ein Ast, der im Wind mitgeht. Und dann schob er sich wieder zurück. „Nein“, sagte Brommel langsam. „Wenn ich ihn gerade mache, bricht er. Er darf schief sein. Er muss nur halten.“

Sissa hob den Kopf. „Das“, sagte sie, „ist der klügste Satz, den ich heute an diesem Bach gehört habe.“

„Du hast heute nur mit mir geredet.“

„Eben.“

Am Abend kam Oma den Bach herunter. Sie schaute sich den Damm vom linken Ufer an, vom rechten und schließlich von der anderen Seite des Bachs. „Der ist ja schief“, sagte sie.

„Ja“, sagte Brommel. „Er ist genau richtig schief.“

Dann glitt Oma in den stillen Teich und zog ihre erste gemütliche Runde. Das schmale Rinnsal rieselte durch den Damm und plätscherte über einen flachen Stein. Brommel legte sich ins weiche Gras und hörte zu.

Im ruhigen Wasser sah der schiefe Staudamm aus wie ein breites Lächeln.

Brommel und Sissa beobachten, wie Oma Biber hinter dem schiefen Staudamm im ruhigen Teich schwimmt
Der Damm ist schief – aber für Oma genau richtig.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Wut kann sich anfühlen, als müsste alles sofort und mit besonders viel Kraft geschehen. Brommel merkt, dass eine kurze Pause seinem Körper und seinen Gedanken wieder Ruhe gibt. Manchmal muss etwas nicht vollkommen gerade sein, um genau richtig zu funktionieren. Wie Kinder starke Gefühle zunächst mit Unterstützung vertrauter Erwachsener bewältigen, erklärt der Elternbeitrag über Selbstregulation und Co-Regulation. Für besonders laute Wutmomente lässt sich außerdem gemeinsam und in Ruhe ein Wut-Notfallplan für Kinder vorbereiten.

Vielleicht findest auch du einen ruhigen Moment, bevor du es noch einmal versuchst.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo lädt Kinder und Erwachsene zum Gespräch über Brommels Geschichte ein

Gemeinsam über Wut und Ruhe sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Manchmal möchte Wut, dass alles sofort geschieht. Sprecht nach der Geschichte gemeinsam darüber, was Brommel erlebt hat:

  • Woran konnte Brommel merken, dass seine Wut immer größer wurde?
  • Was half ihm dabei, wieder ruhiger zu werden und genauer hinzusehen?
  • Was hilft dir, wenn in deinem Bauch alles brodelt?

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