Kaja Kolibri und die Minute, die plötzlich langsam wurde
Manchmal passt in eine einzige Minute viel mehr, als wir zunächst bemerken.

Eine Kindergeschichte zum Vorlesen
Eine Achtsamkeitsgeschichte für Kinder über
bewusstes Wahrnehmen
Kaja hatte einen Plan. Gestern war sie nur bis zum Zaun gekommen. Heute wollte sie jede einzelne Blüte im ganzen Garten besuchen. Alle. Von der Hecke bis zum Teich. Und zwar an einem einzigen Vormittag. Sie stieß sich vom Zweig ab, schoss zwischen zwei Glockenblumen hindurch, sauste unter einer verdutzten Hummel hindurch – und bremste erst, als ihr Schnabel mitten in einer Dahlie steckte.
„Falsche Blüte“, murmelte Kaja mit gelbem Blütenstaub auf der Stirn.
Eigentlich hatte sie zur Tulpenblüte gewollt. Oder zur Minze. Oder war der Sonnenhut zuerst dran gewesen? Keine Zeit zum Nachdenken. Kaja riss den Schnabel aus der Dahlie und flatterte weiter. Ihre Flügel summten so schnell, dass sie wie zwei durchsichtige Fächer aussahen.
„Kaja!“, rief jemand von unten. Sie flog eine Kurve, so scharf, dass einige Blätter mitgerissen wurden. Am Teichrand, auf einem breiten Rhabarberblatt, saß Nelli, die Zwergmaus. Ihre Schnurrhaare zitterten aufgeregt in alle Richtungen.
„Du kennst doch den ganzen Garten“, sagte sie. „Welche Blüte schmeckt ein bisschen nach Pfirsich?“
„Ganz einfach!“ Kaja hob den Schnabel so selbstsicher, als hätte sie den Garten höchstpersönlich erfunden. „Die orangefarbene neben dem Teich. Nein, die rosafarbene am Zaun. Oder war es die mit den Punkten?“
Nelli blinzelte. „Du hast doch überall genascht.“
„Eben!“ Kaja nickte so heftig, dass der Blütenstaub von ihrer Stirn rieselte. „Mein Kopf ist randvoll.“ In ihrem Kopf fühlte es sich allerdings eher an, als würden hundert winzige Zettel durcheinanderflattern. Teich. Zaun. Minze. Weiter. Schneller.
„Ich hole dir deine Pfirsichblüte!“, rief Kaja. „Warte hier!“
„Ich sitze doch schon“, sagte Nelli.
Doch Kaja war längst fort.
✦
Surr! Links an einer Lilie vorbei. Wupp! Über einen Farnwedel hinweg. Flapp-flapp-flapp! Mitten durch eine Wolke aus Löwenzahnschirmchen. Eines davon setzte sich auf ihren Schnabel. Kaja schielte danach und übersah das Windspiel am Ast.
Es hing schon immer im Apfelbaum. Fünf silberne Röhrchen hingen an einer Schnur und musizierten leise im Wind. Doing!
Kaja knallte mit dem Kopf mitten hinein. Sie plumpste auf den Boden, setzte sich hin und sah lauter kleine Sterne. Um sie herum schaukelten die Röhrchen hin und her. Kliiing.
Und dann wurde alles langsam. Ein Tautropfen löste sich von einem Blatt und fiel nicht. Er blieb einfach in der Luft stehen, rund und glänzend. Das Brummen der Hummel zog sich in die Länge wie ein müdes „Brrrrrrrr“. Ein Löwenzahnschirmchen brauchte ewig für eine einzige Drehung.
Nur Kaja konnte sich noch normal bewegen. Sie rappelte sich auf und flatterte zum Windspiel hinauf.
„Hallo?“ Sie klopfte gegen das nächste Röhrchen. „Weitermachen! Los!“
Das Röhrchen schwang träge zur Seite, so gemütlich wie ein Pendel. Kliiing.
„Alles um mich herum läuft in Zeitlupe!“, schimpfte Kaja.
Ihr Blick wanderte zu Nelli. Die Zwergmaus saß noch auf ihrem Rhabarberblatt, aber das Blatt hing schief. Ganz, ganz langsam rutschten Nellis Hinterpfoten über den Rand. Unter ihr erstreckte sich der dunkle, tiefe Teich. Eine Zwergmaus im Wasser, das ergab ein kaltes, nasses Zappeln und schwimmen konnte Nelli nur sehr, sehr schlecht.
Kajas Blick wanderte zurück zum Tautropfen. Kaja hielt inne. Zum ersten Mal an diesem Morgen drängte sie nicht sofort weiter.
Der Tropfen spiegelte den ganzen Garten. Kaja sah darin das Rot der Dahlien, das Blau des Himmels und sich selbst, winzig klein, mit einem Löwenzahnschirmchen auf der Nase. Sie musste kurz schmunzeln. Ihre Gedanken wanderten zurück zu Nelli am Teich.
Sie schüttelte den Kopf, warf ihre Propellerflügel an und eilte zur kleinen Maus auf dem Blatt. Sie stupste Nelli mit dem Schnabel vorsichtig zurück in die Blattmitte, weg vom Rand, weg vom Teich.

☾
Im Apfelbaum schwang ein Röhrchen gegen das nächste. Kliiing.
Kaja setzte sich neben Nelli. Die Röhrchen schaukelten immer noch. Wenn diese Minute schon nicht schneller werden wollte, konnte sie wenigstens nachsehen, was alles darin steckte.
Sie hörte das tiefe Hummelbrummen. Sie roch Minze und warme Erde. Unter ihren Füßen fühlte sich das Rhabarberblatt weich an wie ein flauschiges Kissen.
Kliiing.
Kaja entdeckte eine silberne Schneckenspur auf einem Stein. Eine Spinne, die einen gerissenen Faden verknotete. Und drüben am Zaun eine rosafarbene Blüte mit kleinen orangefarbenen Sprenkeln, die ihr noch nie aufgefallen war.
Sie flog hin und probierte einen einzigen Tropfen Nektar. Süß. Saftig. Ein bisschen nach Pfirsich.
„Da bist du ja“, flüsterte Kaja.
Kling. Kling. Kling.
Die Röhrchen schwangen jetzt kürzer und schneller. Kaja blieb trotzdem an der Pfirsichblüte. Sie nahm noch einen kleinen Schluck und ließ ihn einen Moment auf der Zunge ruhen, statt ihn hinunterzuschlucken.
Im Apfelbaum berührten sich die Röhrchen ein allerletztes Mal. Kling! Dann hingen sie still.
Der Tautropfen platschte herunter. Die Hummel brummte in gewöhnlichem Tempo davon. Das Löwenzahnschirmchen segelte weiter.
Und Nelli saß mitten auf ihrem Rhabarberblatt, weit weg vom Rand, und rief: „Huch! War gerade irgendetwas komisch?“
Kaja landete neben ihr. „Du wärst fast im Teich gelandet.“
„Ich?“ Nellis Nase zuckte nach unten, dann nach oben, dann zu Kaja. „Und wer hat mich zurückgeschoben?“
„Eine ziemlich lange Minute“, sagte Kaja und rieb sich die Stirn. „Und ich.“
Sie führte Nelli zum Zaun, zur gesprenkelten Blüte. Nelli knabberte vorsichtig daran, und ihr Schwanz ringelte sich vor Freude.
„Pfirsich!“, rief sie. „Wie hast du sie bloß gefunden?“

Kaja schaute zum Apfelbaum hinüber, wo die silbernen Röhrchen reglos in der Sonne hingen. „Ich habe aufgehört, überall gleichzeitig zu sein.“
Dann flog sie weiter. Nicht im Schneckentempo, das hätte zu einem Kolibri auch überhaupt nicht gepasst. Aber an der nächsten Blüte hielt sie kurz an. Sie schaute sich die Farbe an. Sie lauschte dem Garten. Und sie kostete einen einzigen Tropfen.
Über ihr summten die Hummeln. Neben ihr schmatzte Nelli zufrieden vor sich hin.
Und oben im Apfelbaum fuhr ein kleiner Windstoß durch die Röhrchen und machte ganz leise: Kling.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Wenn im Kopf alles durcheinanderflattert, kann ein kurzer Halt helfen, wieder zu sehen, zu hören und zu spüren, was gerade da ist. Wie sich solche kleinen Ruheinseln spielerisch in den Familienalltag holen lassen, zeigt der Elternbeitrag über Achtsamkeit für Kinder.
Um gemeinsam zu sammeln, was in unruhigen Momenten guttut, könnt ihr außerdem die kostenlose Wohlfühl-Liste für Kinder nutzen. Vielleicht entdeckt ihr heute gemeinsam, wie groß eine einzige ruhige Minute werden kann.
Manchmal beginnt Ruhe mit einem einzigen kleinen Augenblick.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam den Augenblick entdecken
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Diesmal hat er drei Fragen zum gemeinsamen Weiterdenken: Kaja entdeckt, wie viel in einem einzigen ruhigen Augenblick stecken kann. Sprecht gemeinsam darüber:
- Warum konnte Kaja zunächst nicht mehr sagen, wo die Pfirsichblüte war?
- Was bemerkte Kaja, als die Minute plötzlich langsam wurde?
- Was könntest du in einer ganz ruhigen Minute sehen, hören oder riechen?

Noch mehr achtsame Vorlesezeit
Sei achtsam, kleiner Löwe!
15 liebevoll erzählte Achtsamkeitsgeschichten begleiten Kinder dabei, Gefühle wahrzunehmen, zur Ruhe zu kommen und kleine Wege zur Selbstregulation zu entdecken.
