Wichtel Rune und das leise Weihnachtswunder
Ida schenkt Wichtel Rune einen Schneemann aus Watte. Rune möchte ihm einen Garten aus Schnee bauen – doch die Heizung und ein Windstoß bringen seine Pläne durcheinander.

Eine Wichtelgeschichte zum Vorlesen
Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder über kleine Missgeschicke und ein besonderes Geschenk
Vor Runes Wichteltür stand ein Schneemann. Er war aus Watte, hatte eine schiefe Karottennase und trug einen Hut aus rotem Papier. Auf seinem Bauch klebte ein Zettel: „Für dich, lieber Wichtel. Damit du zu Weihnachten einen Freund hast. Deine Ida.“ Rune schaute den Schneemann an. Dann wieder auf den Zettel. Einen Freund hatte ihm bisher noch nie jemand gebastelt. Vorsichtig rückte er die Karottennase gerade.
Sie rutschte wieder schief.
„Dann eben so“, flüsterte Rune und zog die Schultern hoch. Im Wohnzimmer leuchtete der Weihnachtsbaum. Draußen glänzte der Regen auf den Pflastersteinen. Kein einziges Schneeflöckchen fiel vom Himmel.
Rune strich dem Schneemann über den Wattebauch.
„Weißt du, was dir fehlt? Schnee. Richtiger Weihnachtsschnee.“
Der Schneemann sagte nichts. Schneemänner aus Watte sind in solchen Dingen eher zurückhaltend.
„Keine Sorge“, sagte Rune. „Ich hab welchen.“
In seiner Reisekiste lag ein kleiner Schneeball aus dem Wichtelwald, eingewickelt in ein Zaubertuch, das ihn kalt hielt. Rune holte das Päckchen und zog es vor die Tür.
„Einmal auspacken. Ein bisschen verteilen. Fertig.“
Aber Rune hatte etwas vergessen. Seine Wichteltür lag direkt neben der Heizung.
Kaum hatte er das Tuch geöffnet, wurde aus dem Schneeball ein Schneebällchen. Dann ein Schneeklümpchen und schließlich stand Rune in einer Pfütze.
„Oh.“
Er hob einen Fuß. Sein Strumpf machte ein nasses Schmatzgeräusch.
„Das ging schneller als gedacht“, sagte er zum Schneemann. „Du musst gar nichts dazu sagen.“
Rune wischte das Wasser auf und hängte seine Strümpfe über zwei Streichhölzer zum Trocknen.
Der Schneemann sah ihm zu. Seine Nase zeigte noch immer nach links.
„Du brauchst Schnee, der hier auch liegen bleibt“, überlegte Rune. „Schnee, der auch mit der Heizung gut klarkommt.“
Auf Idas Basteltisch lag weißes Papier.
Rune holte seine kleine Schere. Er faltete, schnitt und faltete wieder. Die erste Flocke sah aus wie ein Stern. Die zweite war schon richtig gut geworden. Ein richtiger kleiner Schneekristall. Bei der dritten hatte er zu viel abgeschnitten. Rune hielt das löchrige Papier hoch.
„Weihnachtskäse“, stellte er fest und legte es beiseite.
Als der Kirchturm draußen Mitternacht schlug, lag ein ganzer Berg Flocken vor ihm.
„Und jetzt kommt dein Garten“, sagte Rune.
Er schob die Flocken auf das Zaubertuch und schleppte sie zum Schneemann.
Da knarrte die Wohnzimmertür.
Rune huschte hinter einen Blumentopf.
Idas Papa kam herein. Er drehte die Heizung herunter und öffnete kurz das Fenster.
Ein Windstoß sauste durch das Zimmer.
Hui!
Die Papierflocken wirbelten hoch. Sie tanzten am Weihnachtsbaum vorbei, flogen über den Teppich und verschwanden unter dem Sofa.
Eine einzige blieb zurück.
Sie saß auf Runes Mütze.

Papa schloss das Fenster und ging wieder ins Bett.
Rune kam hinter dem Blumentopf hervor. Er sah das leere Tuch an. Dann den Schneemann. Dann nahm er die Flocke von seiner Mütze.
„Gut“, sagte er. „Dann brauchen wir eben ein Dach.“
Unter dem Sofa sammelte er seine Schneeflocken wieder ein. Dabei fand er einen Buntstift, drei Bauklötze und eine Rosine, die er lieber liegen ließ.
Doch ein Dach allein würde nicht reichen. Sobald jemand vorbeiging, konnte der leichte Schnee trotzdem davonfliegen.
Rune setzte sich auf einen Bauklotz und dachte nach.
Auf dem Basteltisch stand ein leeres Marmeladenglas. Ida bewahrte darin sonst ihre Murmeln auf. Jetzt lagen die kleinen Glaskugeln in einer Schale daneben.
Rune legte den Kopf schief. Das Glas hatte ein Dach, Wände und man konnte trotzdem hineinschauen.
„Ein Winter zum Mitnehmen!“
Rune kletterte auf den Basteltisch. Das Glas war fast so groß wie sein Häuschen.
Er stemmte sich dagegen, bis es vorsichtig auf die Seite rollte, und klemmte zwei Bauklötze davor, damit es nicht weiterrollte.
Dann umklammerte er den Deckel und zog mit seinem ganzen Körper.
Der Deckel drehte sich ein Stück. Dann noch eins.
Plopp!
Rune purzelte rückwärts auf den Tisch, den Deckel im Arm.
„Geht doch“, sagte er und rückte seine Mütze zurecht.
Mit Bastelkleber befestigte er den Schneemann auf der Innenseite des Deckels. Daneben stellte er eine kleine Papiertanne.
Unter die Tanne legte er einen winzigen roten Stern. Den hatte Ida vor ein paar Tagen vor seine Tür gelegt.
Dann füllte Rune die Papierflocken ins Glas.
Als der Kleber trocken war, schraubte er den Deckel wieder auf und drehte das Glas um.
Der Schneemann stand in einer weißen Winterwelt. Seine schiefe Nase schaute zwischen den Flocken hervor.
Rune betrachtete ihn eine ganze Weile.
„Jetzt kann die Heizung machen, was sie will“, sagte er zufrieden.
Er schob das Glas an den Rand des Basteltisches und polierte mit einem Tuch noch einen Fingerabdruck weg, der größer war als sein ganzer Kopf.
Dann schrieb er einen Brief:
„Liebe Ida, dein Schneemann hat jetzt einen Garten. Dreh das Glas vorsichtig um und wieder zurück. Dann schneit es. Danke, dass du mir einen Freund gebastelt hast. Dein Rune.“
Als Ida am Morgen ins Wohnzimmer kam, fand sie das Glas.
„Mama! Der Wichtel hat etwas gebaut!“
Sie las den Brief und drehte das Glas vorsichtig um. Die Papierflocken wirbelten durcheinander. Dann stellte sie es wieder auf den Deckel.
Ganz langsam rieselte der Schnee auf die Tanne.
Auf den roten Stern.
Und auf die schiefe Karottennase.
„Der Schneemann soll bei ihm bleiben“, sagte Ida. „Und ich kann ihn besuchen.“
Sie stellte das Glas neben die Wichteltür.

Dahinter saß Rune in trockenen Strümpfen und hörte ihr zu. Seine Basteleinlage war ein voller Erfolg, denn jetzt gab es einen kleinen Winter im Wohnzimmer.
Rune lächelte.
Dann bemerkte er etwas Weißes auf seiner Mütze. Noch eine Schneeflocke.
„Na, willst du auch bei mir bleiben?“, flüsterte er. Er rückte sie gerade und sie rutschte wieder schief.
„Dann eben so.“
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Die schönsten Geschenke sind oft die, über die jemand lange nachgedacht hat.
Ihr möchtet Runes Geschichte in eure Wichtelzeit einbauen? Bei unseren Wichteltür-Ideen findet ihr Anregungen für kleine gemeinsame Momente – vom Brief bis zur Vorlesepause.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Geschenke und eigene Ideen sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Runes Weihnachtswunder ist er neugierig auf eure Gedanken. Wenn ihr mögt, erzählt euch gegenseitig:
- Welche Stelle in Runes Geschichte fandest du am lustigsten?
- Warum hat Rune dem Schneemann einen Garten gebaut?
- Was würdest du für jemanden basteln, dem du eine Freude machen möchtest?
Ihr möchtet Runes Winterwelt selbst gestalten? Unsere kostenlose Bastelvorlage für einen Schneemann im Glas enthält eine Anleitung, eine Stecktanne sowie Vorlagen für einen räumlichen Hut und eine Karottennase. Kinder können ausmalen, Watte formen und Papierflocken vorbereiten; Erwachsene helfen bei den feinen Schneide- und Klebearbeiten.

Weitere Geschichten für eure gemeinsame Vorlesezeit
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Ihr möchtet weitere Figuren und ihre kleinen Abenteuer kennenlernen? Das Buch versammelt 15 Achtsamkeitsgeschichten über Gefühle, Selbstregulation und emotionale Entwicklung – ergänzt durch Übungen, Reflexionsfragen und Fantasiereisen für gemeinsame Lese- und Gesprächsmomente.
