Ritter Finnian und die Katze vom Tor
Eine behutsame Rittergeschichte für Kinder ab 3 Jahren über ein rätselhaftes Klacken, drei ausgesperrte Kätzchen und die beruhigende Kraft von Sicherheit und Vertrauen.
Aus dem Buch: Diese Geschichte gehört zu „Kurze Gute-Nacht-Geschichten für Kinder ab 3 Jahren“.

Eine Geschichte aus dem neuen Märchenwichtel-Buch
Eine Rittergeschichte für Kinder über Sicherheit, Vertrauen und ein offenes Türchen
Es war einmal eine Burg, die stand oben auf einem Hügel, und in dieser Burg gab es unzählige Fenster, ein großes Tor und siebzehn Türen. Sechzehn davon waren aus dickem Holz und hatten schwere Riegel. Die siebzehnte war so klein, dass man sie leicht übersah. In der Burg wohnte ein junger Ritter, der hieß Finnian. Und heute Nacht darf er zum allerersten Mal ganz allein abschließen.
KRACH-KLICK!
Der große Eisenriegel rutscht ins Schloss. Finnian legt beide Hände darauf und drückt noch einmal nach. Fest. Ganz sicher fest. „Burg gesichert“, sagt er in die dunkle Nacht hinein. Der alte Torwächter Konrad ist längst schlafen gegangen und hat ihm nur noch zugerufen: „Wenn alles zu ist, kannst du auch ins Bett.“ Alles ist zu. Finnian ist fertig. Finnian ist stolz.
Dann hört er es.
Klack.
Finnian steht ganz still. Im Burghof flackert eine Fackel. Oben auf der Mauer sitzt eine Eule und tut so, als würde sie schlafen. Irgendwo tropfen kleine Wassertropfen aus dem Brunnen.
Und irgendwo, ganz leise, macht etwas: Klack.
Wenn etwas klackt, dann ist etwas nicht zu. Finnian holt tief Luft und geht seine Liste durch. Die Liste steht nicht auf Papier. Sie ist in seinem Kopf, und sie ist ziemlich lang.
„Fenster im Westturm.“ Das Fenster im Westturm ist zu.
„Deckel vom Brunnen.“ Der Deckel liegt drauf.
„Küchentür.“ Die Küchentür ist verriegelt. Dahinter riecht es noch nach Suppe von heute Mittag.
Finnian nickt zufrieden und geht zurück zum Tor.
Klack.
„O Mann“, sagt Finnian.
Auf der untersten Treppenstufe sitzt Mauzine, die Burgkatze, und schaut ihn an. Dann steht sie auf und trottet Richtung Küchenmauer.
„Da war ich schon“, sagt Finnian. „Das steht auf meiner Liste.“
Mauzine trottet trotzdem weiter.
Finnian geht in die andere Richtung, denn er hat schließlich eine Liste, und auf der Liste kommt jetzt die Pforte zum Kräutergarten. Die Pforte ist zu. Der Fensterladen bei der Wachstube ist zu. Der Rost über dem Keller ist eingehakt. Sogar die Deckel auf allen Regentonnen sitzen fest. Alles zu.
Klack.
Finnian setzt sich auf die Treppe und legt den Kopf in die Hände. In seinem Bauch fängt es an zu kribbeln, als würde man ganz oben auf einer Leiter stehen und nach unten schauen.
„Vielleicht ein Räuber“, murmelt er. „Ein sehr kleiner Räuber. Der sehr leise klackt.“
Neben ihm sitzt schon wieder Mauzine. Sie schaut ihn an. Dann schaut sie zur Küchenmauer und dann tut Finnian etwas, das ganz sicher auf keiner Ritterliste steht: Er steht auf und geht einfach hinter der Katze her.
Mauzine führt ihn um die Küche herum, durch das nasse Gras, an den Kräuterbeeten vorbei, bis ganz hinten zur alten Mauer. Dort bleibt sie stehen und setzt sich. Finnian hockt sich hin.
Unten in der Mauer, dicht über dem Boden, ist ein kleines Loch mit einer Holzklappe davor. Kaum größer als ein Suppenteller.
Die siebzehnte Tür.
Finnian weiß noch ganz genau, wann er sie zugemacht hat. Heute Abend. Als Allererstes. Besonders gründlich sogar.
Klack.
Die Klappe wackelt. Finnian schiebt den kleinen Riegel zurück und öffnet sie.
Draußen sitzen drei Kätzchen im nassen Gras. Eins ist schwarz wie Ruß. Eins ist gelb wie Senf. Und eins ist so weiß wie frischgefallener Schnee. Sie sind nass. Sie sind unzufrieden. Und das kleinste hat die Pfote noch an der Klappe.

Klack.
„Oh nein“, sagt Finnian ganz leise. „Ich hab euch ausgesperrt.“
Die drei sausen an ihm vorbei in Richtung Küche, als hätten sie das seit Stunden geübt.
Mauzine läuft hinterher, dreht sich in der Tür noch einmal um und sieht Finnian an. Finnian könnte schwören, dass das ein Blick war, den Mütter überall auf der Welt draufhaben.
„Ich weiß“, sagt er. „Tut mir leid.“
Er schaut die kleine Klappe an. Dann schiebt er den Riegel ganz zur Seite, so weit er geht, und klemmt ihn dort fest, damit ihn niemand aus Versehen wieder zumacht. Dann geht Finnian schlafen.
✦
Auf der Wendeltreppe wird es hinter ihm ganz schön voll. Erst kommt Mauzine, dann die drei kleinen Kätzchen hinterher.
In seiner Kammer über der Wachstube legt Finnian die Rüstung ab, Stück für Stück, und lässt sich aufs Bett fallen. Sofort klettern vier Katzen auf ihn: eine auf die Füße, eine auf den Bauch, eine an die Schulter, und die kleinste setzt sich genau auf sein Kissen und schnurrt ihm direkt ins Ohr. So viel Bestätigung hat Finnian selten erhalten.

Ganz weit unten, an der Küchenmauer, macht die kleine offene Klappe im Wind noch einmal leise: Klack. Diesmal ist Finnian nicht besorgt. Diesmal lächelt er nur und schläft entspannt neben den Stubentigern ein.
Und seitdem ist die Burg auf dem Hügel die bestbewachte im ganzen Land. Mit verschlossenen Fenstern, einem verriegelten Tor, sechzehn zugesperrten Türen – und einer ganz kleinen, siebzehnten, die immer offen bleibt.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Selbst die sicherste Burg hält ein Türchen offen für ihre Heimkehrer. Schlaf heute Nacht so gut wie ein Ritter im Katzenkörbchen. Gute Nacht.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Sicherheit und Vertrauen sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Finnians nächtlichem Rundgang möchte er mit euch darüber sprechen, warum sich Sicherheit nicht immer nur hinter verschlossenen Türen versteckt:
- Warum machte Finnian das Klacken zuerst unruhig – und warum störte es ihn später nicht mehr?
- Warum war es gut, dass Finnian Mauzine vertraute und seine Ritterliste für einen Moment vergaß?
- Was hilft dir am Abend dabei, dich sicher und geborgen zu fühlen?

Finnians Geschichte ist Teil dieses Buches
Kurze Gute-Nacht-Geschichten für Kinder ab 3 Jahren
In diesem liebevoll illustrierten Buch warten Finnian und 14 weitere Figuren mit längeren Einschlafgeschichten zum Vorlesen. Kleine Abenteuer, vertraute Gefühle und bewusst ruhige Enden begleiten Kinder sanft aus dem Tag und in die Nacht.
