Käpt’n Rasmus und das Geisterschiff

Eine gruselige Piratengeschichte für Kinder über ein geheimnisvolles Geisterschiff und den Mut, ehrlich zu sagen, dass man Angst hat und nicht weiterweiß.

6–9 Jahre

Etwa 10 Minuten

Käpt’n Rasmus und Svea mit ihrer Laterne am Steg, während ein altes Geisterschiff aus grünlichem Nebel auftaucht.

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine gruselige Halloweengeschichte über Ehrlichkeit, Angst und Zusammenhalt

Am Nachmittag vor Halloween stand Rasmus auf einer Fischkiste am Hafen und hielt eine Rede.

„Ein richtiger Kapitän hat niemals Angst! Nicht vor Sturm. Nicht vor Dunkelheit. Und schon gar nicht vor einem Geisterschiff!“

Der alte Reusenflicker hob den Kopf.

„Sag so was nicht an einem Oktoberabend, Junge.“

„Warum das denn nicht?“

„Weil der Nebel dir ganz genau zuhört.“

Rasmus lachte so laut, dass die Möwen von der Kaimauer auflogen.

Svea lachte nicht. Seine beste Freundin stand ein bisschen abseits. Sie hatte schon gesehen, wie er beim Gewitter in den Keller gegangen war, um angeblich Kartoffeln zu holen.

Er war sehr lange unten geblieben.

Am Abend brannten die herbstlichen Kürbislaternen. Ihr Licht lag orange auf dem schwarzen Wasser. Ein Fensterladen klapperte, und vom Meer her kroch der Nebel zwischen die Boote.

Rasmus und Svea standen am Ende des Stegs. Svea trug eine kleine Laterne.

„Da ist nichts“, sagte Rasmus.

„Dann können wir ja gehen.“

„Wir warten noch kurz.“

Da teilte sich der Nebel.

Er brach auf wie ein schwerer, nasser Vorhang und dazwischen schob sich ein Schiff hervor.

Es war vorher nicht da gewesen. Das wussten beide ganz genau.

Ein alter Dreimaster mit zerfetzten Segeln und einer gebrochenen Reling. Am Bug stand in verwitterten Buchstaben:

NEBELKRÄHE

Oben am Mast brannte eine einzelne Laterne.

Eine Planke schob sich knarrend auf den Steg.

Ganz von allein.

Rasmus griff nach Sveas Ärmel. Dann ließ er schnell wieder los.

„Siehst du“, sagte er. Seine Stimme war ein bisschen höher als sonst. „Die laden uns ein.“

Svea schaute ungläubig auf das verwitterte Schiff, aber Rasmus war schon auf dem Weg zur Planke, um an Bord zu gehen. Nach drei Schritten blieb er stehen und wartete, bis Svea hinter ihm war.

An Bord war es kalt wie in einem Keller. Auf den Planken lag weißer Raureif. Darin waren Fußspuren. Große Stiefelabdrücke, vom Bug bis zum Steuerrad.

Während Svea hinschaute, kam eine neue Spur dazu. Direkt neben ihrem Fuß.

Knirsch.

Beide standen reglos da und schauten sich aufgeregt um. Ihr Atem machte weiße Wolken in die kalte Nachtluft.

Dann drehte sich das Steuerrad. Langsam, als korrigierte jemand den Kurs. Hinter ihnen hob sich die Planke vom Steg.

Die Nebelkrähe legte ab.

Rasmus rannte zur Reling. Die Kürbislaternen im Hafen wurden kleiner, verschwammen zu einem orangefarbenen Streifen und verschwanden.

Rundherum nur Nebel.

„Wir drehen um!“

Er packte das Steuerrad, stemmte sich dagegen und hängte sein ganzes Gewicht hinein. Es rührte sich nicht. Seine Stiefel rutschten über den Raureif, und er landete auf dem Hosenboden.

Das Rad drehte sich weiter.

Svea half ihm hoch.

„Da vorne!“

Eine rote Boje schob sich aus dem Nebel. Obendrauf hing ein verrostetes Glöckchen.

Bing.

Wenig später tauchte sie wieder auf.

Rot. Verrostetes Glöckchen.

Bing.

Und dann noch einmal.

„Wir fahren im Kreis“, flüsterte Svea.

✦

Unter Deck fanden sie eine Kajüte. Einen Tisch, eine Bank, eine erloschene Kerze.

Und ein Buch, dick wie ein Ziegelstein.

Svea hielt ihre Laterne darüber. Das Logbuch lag aufgeschlagen auf der letzten Seite. In jeder Zeile stand in krakeliger Schrift:

Ich kenne den Weg.

Ich kenne den Weg.

Ich kenne den Weg.

Svea blätterte zurück. Eine Seite. Zehn Seiten. Überall dieselben Worte.

Auf der ersten Seite war die Schrift noch fest und gerade. Es war zu lesen:

Heute Nacht liegt Nebel. Meine Mannschaft fragt, ob wir umkehren sollen. Ich bin der Kapitän. Ich kenne den Weg!

Oben knirschten Schritte.

„Er sucht immer noch den Hafen“, sagte Svea.

„Seit wann?“

Sie schaute auf das Datum, aber man konnte es nicht mehr entziffern. Dann klappte sie das Buch lieber zu.

„Er hat es nie gesagt. Nicht ein einziges Mal.“

Sie setzten sich Schulter an Schulter auf die Bank. Das Schiff knarrte. Irgendwo tropfte Wasser.

Bing.

Schon wieder.

„Rasmus?“

„Hm.“

„Ich hab Angst.“

Er antwortete nicht.

Rasmus schaute lange auf die erloschene Kerze. Dann schaute er auf seine Hände. Sie zitterten. Vorhin hatte er sie in die Taschen gesteckt, damit Svea es nicht sah.

„Ich hab auch Angst“, sagte er leise. „Seit der Planke. Eigentlich wollte ich gar nicht auf das Schiff.“

Svea rückte näher. Rasmus holte Luft.

„Und ich weiß nicht, wo wir sind. Ich kenne den Weg nicht.“

Das Knarren verstummte und das Schiff verlor an Fahrt.

Dann raschelte auf dem Tisch das Logbuch.

Es schlug sich auf. Die Seiten blätterten immer schneller, bis zur letzten beschriebenen Zeile. Darunter erschien ein neuer Satz. Buchstabe für Buchstabe.

Ich kenne den Weg nicht.

Die Tinte glänzte nass.

Rasmus und Svea betrachten bei Laternenlicht ein altes Logbuch, in dem die Worte „Ich kenne den Weg nicht“ erscheinen.
Im Logbuch erscheint ein neuer Satz: „Ich kenne den Weg nicht.“

Rasmus griff nach Sveas Hand. Über ihnen begann das Schiff sich zu drehen. Sie rannten an Deck. Der Nebel riss auseinander, und da lag der Hafen. Ganz nah.

Die Kürbislaternen leuchteten noch, keine hundert Meter entfernt. Die Nebelkrähe glitt an den Steg und legte sanft an. Ihre Planke schob sich hinüber.

✦

Rasmus und Svea gingen nebeneinander von Bord. Als sie sich umdrehten, legte das Schiff schon wieder ab. Diesmal fuhr es geradeaus, hinaus aufs offene Wasser.

Rasmus und Svea stehen Hand in Hand am warm beleuchteten Hafensteg und schauen der Nebelkrähe nach.
Wieder sicher am Steg, sehen Rasmus und Svea der Nebelkrähe nach. Diesmal fährt sie geradeaus.

Kurz bevor der Nebel es verschluckte, erlosch die Laterne am Mast. Am nächsten Morgen lag sie auf dem Steg: eine alte Schiffslaterne, grün angelaufen und kalt.

Darunter lag ein Blatt aus dem Logbuch.

Danke. Ich habe es endlich gesagt.

Rasmus las die Worte. Dann faltete er das Papier behutsam zusammen und steckte es in seine Jackentasche. Er saß mit Svea auf einem Poller.

„Warst du wirklich auf dem Geisterschiff?“, fragte der Reusenflicker.

„Ja“, sagte Rasmus. „Und ich hatte richtig große Angst.“

Es wurde still. Dann sagte der Reusenflicker: „Ich hätte auch Angst gehabt.“ Danach gaben es noch vier andere gestandene Seeleute am Hafen zu.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Angst zu haben ist keine Schwäche. Mut kann damit beginnen, ehrlich zu sagen: Ich habe Angst und weiß gerade nicht weiter.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo schaut nachdenklich und lädt zum gemeinsamen Gespräch ein.

Gemeinsam über Angst, Ehrlichkeit und Zusammenhalt sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Rasmus’ und Sveas Abenteuer hat er drei Fragen über Angst, Ehrlichkeit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Sprecht miteinander darüber:

  • Warum behauptete Rasmus zuerst, dass ein richtiger Kapitän niemals Angst hat?
  • Was geschah, nachdem Rasmus zugab, dass er Angst hatte und den Weg nicht kannte?
  • Wem kannst du sagen, dass du Angst hast oder gerade Hilfe brauchst?

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