Gespenst Gustav und die Nacht des Zottelschrecks

Eine kindlich-gruselige Gespenstergeschichte über eine ungewöhnliche Mitternachtsprüfung, den gefürchteten Zottelschreck und den Mut, bei jemandem zu bleiben.

4–7 Jahre

Etwa 13 Minuten

Gustav Gespenst entdeckt den zotteligen Mumpf im kalten Kamin von Burg Düsterhall.

Eine Geschichte zum Vorlesen

Eine kindgerechte Gespenstergeschichte über Mut, Vorurteile und Mitgefühl

In der Gespensterschule von Burg Düsterhall gab es genau eine Prüfung, und die fand natürlich in der Halloweennacht statt. Es gab nur eine einzige Aufgabe: Wer sein Gespensterzeugnis wollte, musste vor Mitternacht ein lebendiges Wesen so erschrecken, dass es schrie. Nicht schlotterte. Nicht erschrak. Schrie.

„Und zwar richtig“, sagte Obergespenst Gruselbert und tippte mit einem durchsichtigen Finger auf sein Buch. „Ich höre den Unterschied.“

Gustav saß in der letzten Reihe und rutschte tiefer in sein Laken. Es gab da ein Problem mit seinem Buh.

„Buh“, hatte er am Morgen zur Übung gesagt. Die Spinne über seinem Bett hatte gegähnt und war eingeschlafen.

Diese missglückte Generalprobe änderte nichts daran, dass die Nacht der Prüfung gekommen war. Am Abend flogen alle Gespensterschüler, Gustav eingeschlossen, in die umliegenden Dörfer hinaus, um Menschen zu erschrecken.

Aber schon nach hundert Metern drehte Gustav um, denn ihm war eingefallen, dass in den Dörfern Menschen wohnten – und zwar furchtbar viele auf einmal.

„Ich glaube, ich suche mir erst einmal etwas Kleineres“, sagte Gustav zu sich selbst und schwebte zurück zur Burg.

Im Ostflügel war es still. Dort wohnte seit hundert Jahren niemand mehr – abgesehen von Staub in allen Formen und Farben. Gustav schwebte den langen Gang entlang und schaute hinter jede Rüstung, jeden Vorhang und jedes Möbelstück.

Nichts.

„Hier muss es doch irgendetwas zum Erschrecken geben“, murmelte Gustav.

Sein aufmerksamer Gespensterblick kreiste durch den Raum, an den alten Fenstern vorbei, über den großen Kamin in der Mitte des Zimmers und hin zum goldenen Standspiegel.

Stopp!

Gustav schaute zurück zum Kamin.

Da saß doch etwas in der Ecke, ungefähr so groß wie ein Kissen, nur mit deutlich mehr Zähnen. Sein Fell war schwarz und zottelig und stand in alle Richtungen ab. Es hatte zwei krumme Hörner, scharfe Krallen an jeder Pfote und Augen, die im Dunkeln leuchteten wie glühende Kohlen.

Gustav bekam es mit der Angst zu tun. Dann fiel ihm ein, dass er das Gespenst war.

Er holte tief Luft.

„BUH!“

Das Wesen im Kamin schaute ihn an.

„Selber Buh“, sagte es.

„Nein“, sagte Gustav. „So geht das nicht. Du musst schreien.“

„Warum?“

„Weil ich sonst durchfalle.“

Das Wesen kletterte aus dem Kamin. Seine Krallen kratzten dabei über den Steinboden. Gustav schwebte vorsichtshalber einen halben Meter zurück.

„Ich bin Mumpf“, sagte es. „Und ich schreie nicht vor Gespenstern. Gespenster sind das Einzige, wovor ich nicht schreie.“

„Wovor schreist du denn?“

Mumpf zählte an seinen Krallen ab.

„Vor Helligkeit, vor Dunkelheit, vor bunten Farben, vor Blumen, vor Katzenbabys …“

„Das ist eine ziemlich lange Liste.“

„Ich habe noch gar nicht von den Schmetterlingen oder Hundewelpen erzählt.“

Gustav schaute das kleine zottelige Wesen an. Die Hörner. Die Krallen. Die glühenden Augen.

Und dann fiel ihm etwas ein, das ihm überhaupt nicht gefiel.

„Sag mal“, fragte er langsam. „Du bist nicht zufällig der Zottelschreck?“

Mumpf schaute auf seine Pfoten.

„Das sagen die Gespenster immer.“

Gustav schwebte rückwärts, bis er an eine Rüstung stieß.

„DU bist der Zottelschreck? Der Zottelschreck, vor dem jedes Gespenst wegläuft?“

„Ich weiß auch nicht, warum“, sagte Mumpf traurig. „Ich sitze bloß hier im Kamin. Und wenn dann irgendetwas passiert, das mir Angst macht, schreie ich eben. Und dann fliegen alle auseinander.“

„Weil dein Schrei Gespenster zerreißt!“

„Das ist eine Gespenstergeschichte“, sagte Mumpf. „Ich habe noch kein Gespenst mit meinem Schrei zerrissen.“

Gustav dachte nach.

Er dachte an Gruselbert. An das Buch. An das Gespensterzeugnis.

„Moment mal“, sagte er. „Du bist ein lebendiges Wesen. Und du schreist. Wenn ich dich zum Schreien bringe, habe ich bestanden.“

Gustav schaute hinaus zur Turmuhr. Es war Viertel vor zwölf.

Und dann sagte er den Satz, der alles in Gang brachte.

„Dann müssten wir dich eigentlich nur in den dunklen Keller bringen.“

✦

Der Keller von Burg Düsterhall lag am Ende einer Treppe mit siebenundvierzig Stufen. Es war die dunkelste Stelle der ganzen Burg, und Gustav hatte sie in seinem ganzen Gespensterleben noch nie betreten. Das erwähnte er aber lieber nicht.

„Also“, sagte er. „Ich schwebe voraus. Du kommst hinterher. Und wenn wir unten sind, sage ich Buh, und du schreist.“

Mumpf schaute die Treppe hinunter.

Erste Stufe. Zweite Stufe.

Bei der fünften wurde es so dunkel, dass Mumpf stehen blieb und sich in die steinernen Wände krallte.

„Da unten ist etwas.“

„Da unten ist nichts.“

„Du weißt es nicht.“

Gustav wusste es tatsächlich nicht. Er schwebte weiter hinunter und stellte fest, dass sein Laken an allen vier Zipfeln zitterte.

„Bist du noch da?“, rief Mumpf von oben.

„Buh“, sagte Gustav.

Es kam ziemlich leise heraus.

„Huch“, sagte Mumpf und kam eine Stufe hinterher.

Gustav schwebte noch tiefer.

„Buh.“
„Huch.“
„Buh.“
„Huch.“

Gustav Gespenst begleitet den ängstlichen Mumpf über eine dunkle Kellertreppe.
Mit jedem leisen „Buh“ und „Huch“ wagen sich Gustav und Mumpf eine Stufe tiefer.

So ging es Stufe für Stufe weiter, bis sie endlich das Ende der Treppe erreichten.

Unten war es kalt. Der Keller war düster und modrig. Auf der einen Seite gab es oben an der Decke ein kleines Loch im Mauerwerk, durch das ein wenig Mondlicht fiel. Ansonsten war es fast stockfinster.

Mumpf stand mitten im Raum. Seine orangefarbenen Augen glommen. Er hatte die Krallen beider Pfoten ausgefahren und die Zähne fest zusammengebissen.

„So“, bibberte er ängstlich. „Ich bin unten. Mach dein Buh, und dann können wir schnell wieder verschwinden.“

Gustav schwebte vor ihn. Er holte Luft.

Dann schaute er Mumpf an.

Mumpf zitterte. Nicht nur ein bisschen, sondern von den Hörnern bis zu den Krallen. Er hatte siebenundvierzig Stufen hinunter das Schlimmste getan, was er sich vorstellen konnte. Jetzt stand er da und wartete darauf, dass ihm auch noch jemand einen Schrecken einjagte.

Von oben schlug die Turmuhr.

Einmal.

Zweimal.

Gustav machte den Mund wieder zu.

„Was ist?“, fragte Mumpf.

„Ich mache das nicht.“

„Aber deine Prüfung.“

„Die ist mir gerade egal.“

Die Uhr schlug weiter. Vier. Fünf. Sechs.

Gustav schwebte neben Mumpf und blieb dort.

„Buh“, sagte er ganz leise.

Diesmal wollte er ihn nicht erschrecken, sondern Mumpf zeigen, dass er für ihn da war.

„Huch“, schmunzelte Mumpf und hörte auf zu zittern.

Beim zwölften Schlag der Turmuhr war die Prüfung vorbei.

✦

Der Rückweg dauerte eine Weile. Im Burghof standen die anderen Gespensterschüler und erzählten sich gegenseitig, wie laut ihre Opfer geschrien hatten.

Gruselbert schlug sein Buch auf.

„Gustav. Wen hast du erschreckt?“

„Niemanden.“

Die Gespenster wurden sehr still.

„Niemanden?“

„Ich hatte einen“, sagte Gustav. „Aber dann wollte ich nicht mehr.“

In diesem Moment kletterte etwas Schwarzes, Zotteliges mit glühenden Augen über die Burgmauer und stellte sich neben Gustav.

Die anderen Gespenster erschraken und flüchteten in alle Himmelsrichtungen. Nur Gruselbert blieb stehen. Er wurde allerdings noch ein Stück durchsichtiger als sonst.

„Das“, sagte er sehr langsam, „ist der Zottelschreck.“

„Das ist Mumpf“, sagte Gustav.

„Der Zottelschreck von Burg Düsterhall.“

„Er sitzt im Kamin im Ostflügel“, sagte Gustav. „Seit hundert Jahren. Es hat ihn nur nie jemand gefragt, wie er heißt.“

Hinter der Mauer schaute ein Gespenst hervor. Dann noch eines.

Mumpf hob eine Pfote und winkte.

Sofort verschwanden beide wieder hinter der Mauer.

Gruselbert schaute von Gustav zu Mumpf und wieder zurück.

„Du bist Mumpf begegnet, obwohl sich kein anderes Gespenst in seine Nähe getraut hat?“

Gustav nickte.

„Und du bist mit ihm in den Keller gegangen?“

Gustav nickte noch einmal.

„Ich wollte ihn dort erschrecken“, gab er zu. „Aber als ich gesehen habe, wie viel Angst er schon hatte, konnte ich es nicht mehr tun.“

Eine Weile war es sehr still im Burghof.

Dann nahm Gruselbert seine Feder und schrieb etwas in das große Buch.

„Bestanden.“

„Aber ich habe niemanden erschreckt!“

„Nein“, sagte Gruselbert. „Als du wählen musstest, hast du nicht an dein Zeugnis gedacht, sondern an Mumpfs Angst. Du bist bei ihm geblieben, obwohl du dich selbst gefürchtet hast.“

Er betrachtete die alte Prüfungsregel und strich sich nachdenklich über das durchsichtige Kinn.

„Ich dachte immer, bei dieser Prüfung müsse ein Gespenst beweisen, wie gut es anderen Angst machen kann. Offenbar habe ich dabei etwas Wichtiges vergessen.“

Gruselbert setzte die Feder wieder an und ergänzte eine zweite Möglichkeit, die Prüfung zu bestehen.

Obergespenst Gruselbert trägt Gustav neben Mumpf in das Prüfungsbuch ein.
Gruselbert erkennt, dass Gustav in dieser Nacht eine andere Art von Mut bewiesen hat.

Seitdem hat sich in Burg Düsterhall einiges geändert. Im Buch der Gespensterschule steht nun ganz unten:

Ein Gespenst kann die Prüfung auch bestehen, wenn es einem anderen Wesen dabei hilft, seine Angst zu überwinden.

Der Zottelschreck lebt immer noch im Kamin im Ostflügel. Doch inzwischen setzt sich manchmal ein Gespenst zu ihm.

Die Gespenster haben gelernt, dass man nicht jede alte Gruselgeschichte glauben darf. Und wenn man ganz genau hinhört, kann man Gustav und Mumpf dort über Katzenbabys sprechen hören.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Es erfordert viel mehr Mut, jemanden zu beschützen und ihm Mut zu machen, als ihn einzuschüchtern.

Inhalte dieser Geschichte

Thema:
Märlo, der Märchenwichtel, denkt über Gustav und Mumpf nach und lädt zum Gespräch über Angst, Mut und Vorurteile ein.

Gemeinsam über Mut, Vorurteile und Mitgefühl sprechen

Märlos Fragen nach der Geschichte

Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Gustavs Mitternachtsprüfung möchte er mit euch darüber sprechen, warum alte Erzählungen manchmal ein falsches Bild von jemandem entstehen lassen. Sprecht miteinander darüber:

  • Warum hatten die Gespenster Angst vor Mumpf, obwohl sie ihn gar nicht kannten?
  • Warum entschied sich Gustav im Keller dagegen, Mumpf zu erschrecken?
  • Wann hast du schon einmal Mut gezeigt, indem du jemandem geholfen oder bei ihm geblieben bist?

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