Die Hexe Hedda und der kichernde Schatten
Eine leicht gruselige Hexengeschichte für Kinder über einen riesigen Schatten, ein verräterisches Kichern und den Mut, der eigenen Angst vorsichtig entgegenzugehen.

Eine Geschichte zum Vorlesen
Eine kindgerechte Halloweengeschichte über Angst, Schatten und genaues Hinsehen
Zwölf Kürbisse standen vor dem windschiefen Hexenhäuschen, und jeder einzelne war auf seine Art besonders. Der erste hatte eine Zahnlücke. Der zweite schaute so schläfrig, dass man selbst müde wurde. Der dritte sah aus, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen, und der zwölfte war Hedda beim Schnitzen ein bisschen verrutscht, weshalb er nun etwas verwirrt aussah.
Hedda stellte ihn ans Ende der Reihe und trat einen Schritt zurück. Heute Nacht war ihr großer Auftritt.
Zum allerersten Mal durfte sie den Weg zum Mitternachtsmarkt leuchten, dorthin, wo einmal im Jahr die Gespenster ihre Laken zum Bleichen bringen und die Vampire nach Zahnpasta ohne Knoblauch suchen.
Ohne Licht fand niemand den Weg dorthin. Und dieses Jahr war Hedda dran. Sie zog ihren Hut zurecht, hob den Zauberstab und sagte den Spruch, den sie den ganzen Nachmittag geübt hatte.
„Leuchten, funkeln, heller Schein – heute soll es festlich sein!“
In allen zwölf Kürbissen gingen goldene Flammen an.
„Geschafft“, flüsterte Hedda.
Und dann bewegte sich etwas hinter ihr. Hedda drehte sich um. Da war nichts. Nur der alte Apfelbaum, der leise im Wind knarrte.
„Bloß ein Ast“, sagte sie. Ihre Stimme kam ziemlich dünn heraus. So dünn wie ein Spinnenfaden.
Sie drehte sich wieder zu den Laternen, und da war es.
An der Hauswand stand etwas Großes. Etwas Schwarzes. Etwas mit einem spitzen Hut, das langsam zwei riesige Arme hob.
Hedda rührte sich nicht. Das Ding auch nicht.
„Ich bin übrigens eine Hexe“, sagte Hedda in die Dunkelheit. „Eine ziemlich gefährliche.“
Keine Antwort.
„Hihi“, machte Hedda.
Sie wollte das überhaupt nicht. Aber wenn Hedda Angst bekam, musste sie kichern. Das war schon immer so gewesen und außerordentlich unpraktisch. Das Ding an der Wand wurde noch ein Stück größer.
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Hedda riss den Zauberstab hoch. „Schrumpf und schwind, du Schattenwicht – fort mit dir im Laternenlicht!“
PUFF. Eine violette Rauchwolke stieg auf und roch nach verbranntem Kohl.
Als sie sich verzogen hatte, war das Ding immer noch da. Nur hatte es jetzt drei Hüte, sechs Arme und einen Bauch, der bis zum Gartenzaun reichte.
„Hihihihi“, machte Hedda und sprang hinter einen Kürbis. Ausgerechnet hinter den mit der Zahnlücke. Durch das Loch im Mund konnte man sie noch immer ganz genau sehen.
„Das war nur ein Test!“, rief sie. Sie versuchte es noch einmal, diesmal mit einem Spruch aus dem hinteren Teil ihres Zauberbuchs.
„Rappel, rassel, Kürbiskern – dunkler Schatten, bleib mir fern!“
ZISCH.
Dem Besen, der an der Hauswand lehnte, wuchs ein langer grüner Schnurrbart. Sonst passierte nichts.

Hedda hockte hinter dem Kürbis und schaute auf ihren Zauberstab. Dann auf den Besen mit dem Schnurrbart. Dann auf ihre eigenen Schuhspitzen.
Ihr fiel kein einziger Zauberspruch mehr ein. Nicht ein einziger. In ihrem Kopf war es so leer wie in einem ausgeräumten Schrank.
Also machte Hedda das Einzige, was ihr noch einfiel. Sie sagte die Wahrheit.
„Ich habe Angst“, sagte sie laut.
Es fühlte sich merkwürdig an, das auszusprechen, schließlich war sie eine mächtige Hexe. Ungefähr so, als würde man einen viel zu schweren Rucksack absetzen.
„Ich habe Angst, weil du so groß bist. Und weil ich nicht weiß, wer du bist.“
Sie holte noch einmal Luft.
„Und ich kichere immer, wenn ich Angst habe. Das kommt einfach so raus. Ich kann nichts dafür.“
Nichts geschah.
Das Ding stand still an der Wand und wartete. Hedda kam vorsichtig hinter dem Kürbis hervor. Das Ding wurde kleiner. Sie machte einen Schritt auf die Hauswand zu. Es wurde noch kleiner. Hedda blieb stehen. Ihr Herz klopfte bis in die Ohren.
Dann hob sie ganz langsam einen Arm. Das Ding hob auch einen Arm. Sie wackelte mit dem Fuß. Das schwarze Monster wackelte auch mit dem Fuß.
Und dann zog Hedda die allerschlimmste Grimasse, die sie kannte – Zunge raus, beide Backen aufgeblasen, die Augen fest zusammengekniffen und wildes Kopfgewackel.
Das Ding an der Wand wackelte ebenfalls mit dem Kopf.
Hedda ließ die Luft aus den Backen.
„Du bist ja ich.“
Sie drehte sich zu den Kürbissen um. Zwölf Laternen. Zwölf Flammen. Und jede warf ihr Licht aus einer anderen Richtung.
Hedda ging zwei Schritte nach links. Ihr Schatten bekam einen zweiten Hut. Sie ging drei Schritte nach rechts. Er bekam vier zusätzliche Arme.
Sie stellte sich direkt vor die dickste Laterne, und ihm wuchs ein Bauch, so rund wie ein Kürbis.
Hedda lachte laut auf. „Ich habe mich die ganze Zeit vor mir selbst versteckt!“
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Hinter ihr räusperte sich der Besen und kündigte damit die ersten Gäste an. Der grüne Schnurrbart flatterte im Wind.
Voran schwebte ein kleines Gespenst in einem frisch gewaschenen Laken. Als Heddas riesiger Schatten über die Bäume wanderte, blieb es zitternd in der Luft stehen.
„Da … da ist etwas!“
„Nicht weglaufen“, rief Hedda. „Komm her. Ganz nah an die Wand.“
Das Gespenst schwebte zögernd näher. Und mit jedem Meter schrumpfte das Ungeheuer an der Hauswand, bis nur noch ein sehr kleines Gespenst mit einem sehr großen Laken übrig war.
„Oh“, machte das Gespenst.
Dann breitete es sein Laken aus, und an der Hauswand entfaltete sich ein Wesen so groß wie ein Segelschiff.
„Ahh!“, machte das Gespenst verständnisvoll.
Danach wollten alle. Eine Vampirfledermaus spannte die Flügel auf und wurde zum Riesendrachen. Ein Skelett klapperte mit den Fingern, und an der Wand entstand ein Schattentheater. Eine Kröte im Hexenkorb sprang so hoch, dass ihr Schatten quer über das ganze Dach flog.

Später hüpften die zwölf Kürbislaternen wie kleine goldene Wegweiser vor der ganzen Gesellschaft her. Dahinter führte Hedda die Gäste hinunter zum Mitternachtsmarkt. Neben ihr trottete ein Besen mit grünem Schnurrbart.
Ab und zu kicherte jemand im Dunkeln. Aber diesmal wusste Hedda ganz genau, wer das war.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Manches, das groß und düster wirkt, wird ein wenig kleiner, wenn wir unsere Angst aussprechen und vorsichtig genauer hinsehen.
Inhalte dieser Geschichte

Gemeinsam über Angst, Schatten und Mut sprechen
Märlos Fragen nach der Geschichte
Märlo ist der kleine Märchenwichtel, der euch durch unsere Geschichten begleitet. Nach Heddas nächtlichem Abenteuer möchte er mit euch darüber sprechen, warum Unbekanntes manchmal besonders groß und unheimlich wirkt. Sprecht miteinander darüber:
- Warum wurde Heddas Schatten so groß und bekam sogar mehrere Arme und Hüte?
- Was veränderte sich, nachdem Hedda ihre Angst laut ausgesprochen hatte?
- Was hilft dir, wenn im Dunkeln etwas größer oder unheimlicher aussieht, als es wirklich ist?

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Sei mutig, kleiner Drache!
Hedda erlebt, dass Mut nicht bedeutet, niemals Angst zu haben. Das Buch versammelt 15 Mutmach-Geschichten über Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und innere Stärke – für kleine Schritte, die sich manchmal ganz groß anfühlen.
